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„Es war die Reise unseres Lebens“—Mit dem Rucksack durch Skandinavien

Die Freundinnen Caro und Anna-Lena, beide 18 Jahre alt und aus Köln, hatten gerade ihr Abitur in der Tasche, als sie an einer Verlosung der EU-Kommission teilnahmen und zwei Interrail-Tickets gewannen. Für beide war sofort klar: Sie wollen Länder erkunden, die keine typischen Reiseziele darstellen. Im August 2018 startete dann das große Abenteuer Skandinavien. Nur mit einem Rucksack ausgerüstet waren die Kölnerinnen drei Wochen lang in Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark unterwegs.
31. Januar 2019

Einsame Strände, tausende Seen, malerische Fjorde und Berglandschaften—im hohen Norden zeigt sich die ganze Schaffenskraft der Natur. Für Anna-Lena und Caro war es die Reise ihres Lebens: „Es ist wirklich unglaublich, dass man durch so eine Backpacking-Tour erfährt, wie einfach man doch leben kann und wie perfekt es trotzdem sein kann. Das Erlebnis, mit dem Rucksack die Welt zu erkunden, nur wir beide ganz alleine.“ Doch obwohl der Norden klein klassisches Urlaubsziel ist, war genau das der Reiz für die beiden Abiturientinnen: „Die meisten aus unserem Abi-Jahrgang wollten eher in die südlichen Länder. Klar hat man da perfektes Wetter, aber wir sind nicht so wie alle Anderen“, erzählte Anna-Lena. Vor allem junge Menschen begeben sich heute nach einem ersten Abschluss, wie beispielsweise dem Abitur, auf eine längere Rucksack-Tour. Der Begriff Rucksacktourismus entstand im deutschsprachigen Raum erstmals in den 1970er Jahren. Vor allem die Einführung des preiswerten Interrail-Tickets, ermöglicht durch die europäischen Eisenbahngesellschaften, hat ab 1972 in Europa zu einem Wachstum des Backpackings geführt. Diese Form des Reisens stellt eine Art des Tourismus dar, bei welcher man nur mit dem nötigsten Gepäck und meist ohne klare Vorstellung der Unterkunftsmöglichkeiten reist. Oft wird erst vor Ort eine Bleibe für die Nacht gesucht, die dazu möglichst preiswert und abseits der üblichen Tourismusunterkünften sein sollte. Der Tourismuswissenschaftler Eric Cohen bezeichnete den Rucksacktouristen auch als Drifter, was so viel bedeutet wie „sich treiben lassen“.

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Caro und Anna Lena in Kopenhagen

Foto: Privat

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Anna-Lena, 6. August 2018

„Wir haben auf einem Boot übernachtet und sind früh wach geworden. Die Reise geht weiter von Stockholm mit dem Zug nach Rättvik. Auf dem Weg zum Bahnhof nach Stockholm, mit einem großen, schweren Rucksack auf den Schultern, müssen wir durch die halbe Stadt laufen. „Stell dich nicht so an, dein Rucksack kann doch nicht so schwer sein“, sagt Caro zu mir. Das Gewicht auf den Schultern macht mir zu schaffen, doch bald haben wir es geschafft und sind am Bahnhof. Endlich angekommen bemerken wir, dass der Zug 45 Minuten Verspätung hat und nutzen die Gelegenheit um über das Internetportal booking.com einen Campingplatz für die nächste Nacht herauszusuchen. Ein Anruf später ist die Frage nach einer Bleibe für die nächste Nacht geklärt. Der Zug fährt in den Bahnhof ein und wir machen uns auf den Weg nach Rättvik.“

Das Abenteuer beginnt

Am 30. Juli 2018 war es endlich so weit, am Kölner Hauptbahnhof begann die Reise ins Unbekannte: Von Köln ging es erstmal mit dem Zug ins schwedische Stockholm und von dort mit der Fähre nach Helsinki, der Hauptstadt Finnlands. „Wir waren gute 34 Stunden unterwegs, zum Glück konnten wir im Zug und auf der Fähre schlafen“, erinnert sich Anna-Lena. Vier Nächte blieben die beiden in Helsinki, sie liehen sich vor Ort Fahrräder, um die Stadt zu erkunden. „Das Wetter war sogar so gut, das wir im Meer schwimmen konnten“, schwärmt Caro. Von Helsinki ging es dann für jeweils zwei Tage nach Stockholm und in das 300 Kilometer entfernte Rättvik, danach für zwei Tage in die norwegische Großstadt Oslo und schließlich wieder zurück nach Schweden für einen zweitägigen Stopp in der Hafenstadt Göteborg. Abschließend erkundeten die Kölnerinnen noch Kopenhagen, die Hauptstadt Dänemarks, bevor es dann wieder zurück in die Heimat ging.

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Anna-Lena, 6. August 2018

„Endlich in Rättvik angekommen ist der Bahnsteig nur etwa 30 Meter vom Wasser entfernt und liegt direkt an dem Campingplatz, den wir uns rausgesucht haben. Nachdem einchecken, essen wir die zwei Packungen Kekse, welche wir in Stockholm geschenkt bekommen haben. Als uns schließlich ein Zeltplatz zugewiesen wird bemerken wir, dass überall auf dem Gelände riesige Wohnwägen und professionell aufgebaute Zelte stehen. Ich hole schließlich das kleine pinke Wurfzelt mit Flamingos aus der Verpackung und fertig, unser Zelt steht.“

Freundliche und entspannte Menschen

Während ihrer Reise durch die Städte Skandinaviens waren die Mädchen neben Bus und Bahn auch viel zu Fuß unterwegs. Das hat ihnen die Möglichkeit gegeben, Land und Leute besser kennenzulernen und neue Eindrücke zu gewinnen. Besonders die Offenheit und herzliche Gastfreundschaft der Bewohner ist den Beiden aufgefallen. Die Menschen waren äußerst hilfsbereit als die Freundinnen nach einer Bleibe für die nächste Nacht suchten. „Wir bekamen für wenig Geld schöne Unterkünfte, in Stockholm haben wir sogar auf einem Boot geschlafen und Kekse geschenkt bekommen“, sagt Caro. Weitgehend haben die Mädchen versucht, möglichst preiswerte Unterkünfte zu finden und somit ihre Nächte überwiegend in Hostels oder auf Campingplätzen verbracht. Vor allem während ihrer Erkundungstouren durch die Städte in Skandinavien viel auf, dass die Einheimischen viel mehr mit dem Fahrrad unterwegs sind als mit dem Auto. So wurde den Beiden das Gefühl vermittelt, dass das Leben der Bewohner entspannter und stressfreier ist als in Deutschland.

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Der Campingplatz in Rättvik

Foto: Privat

Das Schönste war, dass nicht alles auf Tourismus ausgelegt ist, wie in den südlichen Ländern und man sich deshalb einfach wohler gefühlt hat“, schwärmt Caro. Doch vor allem zu Beginn ihrer Reise hatten die Beiden große Bedenken bezüglich der Kommunikation und der Frage, ob sie sich auch gut genug verständigen können. Sie wussten, dass die meisten Skandinavier gut Englisch sprechen und hatten Sorge, sich zu „blamieren“. Hauptsächlich ihre Unsicherheit, sich in einer anderen Sprache zu unterhalten, war anfangs ein Hindernis. Doch bereits nach den ersten Tagen gewöhnten sich die Freundinnen an die sprachliche Herausforderung und wurden von Tag zu Tag selbstbewusster. „Wichtig ist, sich nicht zu viele Gedanken zu machen. Sei es darum, ein Wort richtig auszusprechen oder etwas Falsches zu sagen“, erzählt Caro.

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Sonnenuntergang auf der Schifffahrt von Helsinki nach Stockholm

Foto: Privat

Alternative zum Massentourismus

Backpacking ist eine alternative Art des Reisens und ging hauptsächlich aus der Hippie-Bewegung der 1970er Jahre hervor. Somit gilt sie noch heute als Vorbildfunktion für Rucksacktouristen. Nur mit dem Wichtigsten ausgestattet geht es dem Reisenden darum, sich vom „Mainstream“ abzusetzen—eben nicht wie Pauschaltouristen zwei Wochen am Strand zu liegen und nur wenig von dem Land und den Einheimischen kennenzulernen. Diese Art des Reisens weckt heutzutage nicht mehr nur das Interesse der jungen Menschen. Vielmehr ist es zu einem generationenübergreifenden Trend geworden, aus der gewohnten Lebensweise auszubrechen und auf bestimmte oder unbestimmte Zeit ohne festen Reiseplan die Welt zu erkunden.

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Foto: Privat

Skandinavien eignet sich für Backpacking-Anfänger besonders gut, da die Menschen dort sehr offen und gastfreundlich sind. Außerdem haben die Länder im Norden eine gute Infrastruktur und sind sehr fortschrittlich. Vor allem aber begeistert Skandinavien mit seiner atemberaubenden Natur—auch das Herz der beiden Freundinnen schlägt mittlerweile für den Norden: „Skandinavien wird auf jeden Fall unterschätzt, die Meisten denken erstmal an Dunkelheit, Schnee und Kälte. Aber im Sommer gibt es auch da das Grüne Leben, an den Fjorden und Seen.“ Für die Kölnerinnen steht fest: Sie wollen auf jeden Fall wieder zurück nach Skandinavien. Und der Rucksack darf dabei nicht fehlen.

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Anna-Lena, 6. August 2018

„Wir bekommen Hunger und entschließen uns dazu einen Supermarkt aufzusuchen. Unser Abendessen besteht aus einem Baguette und einem Ring Fleischwurst, die nicht ganz so gut geschmeckt hat wie erwartet. Wir sind an einen einsamen Steg gelaufen. Und genießen nun die wunderschöne Aussicht. Die Sonne verschwindet langsam und wir beobachten wie sie untergeht. Es war ein perfekter Moment.“