Trendland,

Touristenland,

Island.

Wie der Touristenstrom Island zu wirtschaftlichem Aufschwung verhilft—und dem Land gleichzeitig zusetzt

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Heiße Thermalquellen finden sich im ganzen Land und sind eine der beliebtesten Touristenattraktionen auf Island. Die Blaue Lagune nahe Reykjavik zieht jedes Jahr hunderttausende Besucher an.

Auf die Friedhöfe der kleinen Ortschaften am Rande des „Golden Circle“ verirren sich hingegen nur wenige Touristen. Dabei vermitteln sie einen guten Eindruck der isländischen Lebensart.

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0 km
liegen zwischen den Flughäfen von Frankfurt am Main und Keflavík

Eng gedrängt stehen sie, nebeneinander, Schulter an Schulter, Ellenbogen an Ellenbogen. Versammelt um ein Naturphänomen, dessen isländischer Name auf der ganzen Welt bekannt ist.

Kaum eine Lücke bleibt zwischen den wartenden Grüppchen. Tut sich doch eine auf, zwängen sich die Touristen aus der zweiten oder dritten Reihe hinein. Ein kleines Seil, ungefähr auf Höhe ihrer Knie, dient als Absperrung, sorgt dafür, dass die Menschentraube sich nicht in Lebensgefahr begibt. Nur ein leises Brodeln kündigt ihn an, dann bricht der Strokkur aus. Eine Säule kochenden Wassers schießt über 20 Meter in die Höhe. Er ist einer, wenn nicht sogar der bekannteste aktive Geysir in Island. Gelegen im Golden Circle im Süden der Insel.

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Auch außerhalb der klassischen Reisesaison kommen noch viele Touristen zu den Geysiren im sogenannten „Golden Circle“. Der Tourismus boomt auch hier, wie man am Rohbau eines Hotels im Hintergrund sieht.

Auf einem gigantischen Parkplatz auf der anderen Straßenseite sammelt sich schondie nächste Touristentraube. Scharenweise werden sie herangekarrt, im Mietwagen oder im Reisebus. Wer dem Naturschauspiel nichts abgewinnen kann, kann sich nebenan im Souvenirshop vergnügen. Auch mehrere Restaurants buhlen um die Gunst shoppingbegeisterter, hungriger und kaufkräftiger Islandbesucher. Das Angebot wird gut angenommen, auch im Innern drängen sich die Leute nebeneinander, stehen Schulter an Schulter und Ellenbogen an Ellenbogen.

Die Zeiten vom ruhigen Urlaub in Island sind vorbei. Das meint zumindest Elías Bj. Gíslason vom isländischen Fremdenverkehrsministerium. „Wenn Sie nach Geysir reisen und dort Ihre Ruhe haben möchten, müssten Sie entweder vor neun Uhr am Morgen oder am späteren Nachmittag vorbeikommen.“

Die Zahl der Touristen, die am Keflavík Airport landen, ist in den vergangenen Jahren explodiert

Die Zahl der Touristen auf Island hat sich in den vergangenen 15 Jahren fast verfünffacht. Reisten im Jahr 2003 noch rund 600 000 Besucher auf die Insel, die auf halbem Weg zwischen Nordamerika und Europa liegt, waren es 2017 schon über 2,8 Millionen. Und die Zahlen steigen weiter. Laut den neusten Daten könnte in diesem Jahr die magische drei Millionen Marke geknackt werden. Bis Ende November 2018 hat das isländische Statistikamt schon fast 2,8 Millionen Besucher gezählt.

Touristen strömen in Scharen auf die Insel, und die 330.000 Isländer haben sich dem angepasst. Im Tourismussektor arbeiten saisonal mehr als 31.000 Menschen. Neue Hotels und Privatunterkünfte sprießen wie Pilze aus dem Boden. Die steigende Tendenz sorgt laut Gíslason zunehmend für einen Zuzug von Fachkräften: „Rund ein Drittel der Beschäftigten kommen aus dem Ausland.“

Die Entwicklung Islands zu einer beliebten Touristendestination sorgte auch für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Fast 30 Prozent des gesamten isländischen Bruttoinlandsprodukts lieferte 2017 der Tourismus. Davon war vor zehn Jahren noch nicht viel zu spüren. Die Finanzkrise 2008 hatte auch die kleine Insel im hohen Norden stark getroffen, der Wert der Isländischen Krone stürzte rapide ab. Danach folgte zunächst ein langsamer Prozess des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.

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Für weltweite Schlagzeilen sorgte 2010 der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull, da war das kleine Island plötzlich in aller Munde. „Das hat sehr zur Bekanntheit des Landes beigetragen“, resümiert Elías Bj. Gíslason. Für den Tourismus hatte der Vulkanausbruch erstmal negative Folgen, da viele Urlauber ihre Buchungen stornierten. Die Auswirkungen der Naturkatastrophe bekamen aber auch viele Fluggäste zu spüren. Durch die gigantische Aschewolke musste der Flugverkehr in großen Teilen Nord- und Mitteleuropas für mehrere Tage eingestellt werden.

Sobald die Aschewolke sich gelegt hatte, schossen die Touristenzahlen plötzlich in die Höhe; in manchen Monaten mit einem Wachstum von über 50 Prozent. Der Trend hält an—bis heute.

Das Tor nach Island ist 25 Quadtratmeter groß und steht 40 Kilometer südwestlich von Reykjavík.

Über Keflavík, dem größten Flughafen der Insel, reisen fast 99 Prozent aller Touristen ein. Gíslason: „Früher gab es fünf Fluggesellschaften, die Island in ihrem Flugplan hatten. Heute sind es 30.“

Der Flughafen sei auch eine gute Möglichkeit, die Zahl der einreisenden Touristen zu steuern. Denn Flughäfen sind in Island in Staatsbesitz. Welche Fluggesellschaften wie oft dort landen können, regulieren die Behörden.

Dass die Touristenzahlen weiterhin so stark steigen, sei weder nachhaltig noch erstrebenswert, sagt Gunnar Þór Jóhannesson, Professor für Geographie und Tourismus an der University of Iceland, Reykjavik. Mit einem Crash ähnlich der Finanzkrise 2008 rechnet er nicht, dennoch kann er sich vorstellen, „dass die Zahlen stagnieren werden“. Weiter gibt Jóhannesson zu bedenken: „Manche Unternehmen stehen schon jetzt wackelig da. Es wird Fusionen geben. Und die, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, werden nicht überleben.“

Ein Unternehmen, das besonders wackelt, ist WOW Air. Der isländische Billigflieger hatte bereits längere Zeit mit hohen Verlusten zu kämpfen. Insbesondere der steigende Kerosinpreis machte der Airline zu schaffen. Günstige Tickets auf der Langstrecke – das rechnete sich nicht.

Retter in der Not sollte die isländische Staatsairline Icelandair sein. Eine Übernahme war für Ende November geplant. Doch „nicht erfüllbare Forderungen“ ließen den Deal kurzfristig platzen.

WOWair emotional

Ein Airbus A321 der WOW air am Flughafen Keflavík. Der Billigflieger ist eines der zurzeit kriselnden Unternehmen.

Foto von Sven-Sebastian Sajak

Schließlich sprang der amerikanische Airlineinvestor Indigo Partner ein und übernahm die Airline mit ihrer lilafarbenen Flugzeugflotte. Als erste Maßnahme wurde diese von 20 auf nur noch elf Airbus Kurz- und Mittelstreckenflieger zusammengestrichen. Außerdem mussten mehr als einhundert Mitarbeiter gehen.

Die Fluggesellschaft stehe exemplarisch für ein anderes Problem, so Gíslason: „Das extreme Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre macht unserer Volkswirtschaft zu schaffen. Die wirtschaftliche Basis sei nicht so stabil, wie beispielsweise in Deutschland: „Da kann man sich leicht verzocken.“

Und Jóhannesson stellt fest: “Schon dieses Jahr kann man sehen, wie das Wachstum rapide abnimmt. Die Zahlen werden auf drei bis sieben Prozent geschätzt”. Ein gewaltiger Unterschied zu den über 30 Prozent der Vorjahre. Das tue dem Land gut, meint er. Schließlich gelte es, nicht endlos mehr Touristen ins Land zu locken. Sondern eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen, auf die Verlass ist—auch in schlechten Zeiten.