Nordlichter in Savitaipale. Foto von Jaakko Pylkkö

Studium in der Fremde — Vanessa und die Finnen

Vanessa zur Lienen liebt Finnland. Seit ihrer Kindheit begeistert sich die 25-jährige Maintalerin für dieses skandinavische Land. Nachdem sie bereits in ihrem Bachelor-Studium ein Auslandssemester dort absolvierte, legt sie nun ihren Master komplett im finnischen Jyväskylä ab. Wir haben mit ihr über das Leben in Finnland, ihre Erfahrungen und ihre Begeisterung für dieses Land gesprochen.
23. Januar 2019

Woher kommt deine Begeisterung für Finnland?

Mit sechs Jahren habe ich mich in Ville Valo von der Band HIM verknallt. Ich habe dann gemerkt, dass da mehr gute Bands aus Finnland kommen, wie The 69 Eyes oder Poisonblack, weshalb ich begonnen habe, mich damit zu beschäftigen. Auch in der Schule war ich bekannt dafür, dass ich voll auf Finnland abfahre. Ich bin den Leuten damals damit ziemlich auf die Nerven gegangen. Aber Finnland ist für mich einfach toll. Die Leute, die Sprache und das Land an sich. Es exotisch obwohl es europäisch ist.

Du machst deinen Master in Finnland. Wie kam es dazu?

Ich habe in Göttingen Finnougristik (auch finnisch-ugrische Philologie) und Kulturanthropologie und europäische Ethnologie studiert. Im Herbst 2016 habe ich dann ein Auslandssemsester in Jyväskylä gemacht. Ein paar Monate nach meinem Aufenthalt dort bekam ich dann eine Mail von der Uni mit dem Hinweis auf Masterstudiengänge. Ich habe mich dann für „Intercultual Communication“ entschieden. Das verbindet alles, was ich vorher gemacht habe und macht beruflich mehr Sinn.

Was ist Finnougristik genau?

Finnougristik kann man als Linguistik sehen, wie Germanistik oder Skandinavistik nur mit einer anderen Sprachfamilie. Diese beinhaltet Finnisch, Ungarisch, Estnisch und so kleinere andere Sprachen, die unter anderem im Baltikum und Russland vorkommen.

Blick über die verschneiten Bäume in Rovaniemi. Foto: Vanessa zur Lienen

Blick über die verschneiten Bäume in Rovaniemi.

Foto: Privat

Warst du vor dem Studium schon einmal in Finnland?

Ja. Als ich endlich 18 war, bin ich mehr oder weniger direkt hin. Dass ich später wieder dorthin zurückgekehrt bin, war aber eher zufällig durch das Spiel „League of Legends“. Weil alle anderen Nicknamen schon vergeben waren, habe ich halt einen finnischen Namen verwendet. Ich dachte mir „So viele Finnen gibt es nicht, die das spielen. Da wird ja noch einer für mich übrig sein.“ Relativ schnell wurde ich dann auf Finnisch angeschrieben. Durch Zufall bin ich dann in so eine finnische Spielergruppe reingerutscht. Und dann im Januar 2014 spontan einfach mal nach Finnland geflogen, um die zu besuchen. Das war das Beste, was mir hätte passieren können.

Das musst Du jetzt genauer erklären!

Wegen der Mutter des einen Freundes, den ich besucht hatte. Sie sprach praktischerweise fließend Deutsch. Innerhalb der letzten Jahre hat es sich so entwickelt, dass sie so etwas wie meine finnische Mama geworden ist. Sie ist immer für mich da. Hilft mir Kontakte zu knüpfen oder steht immer für Fragen zur Verfügung. Ich habe auch schon mehr als einmal Weihnachten dort gefeiert oder die Familie besucht, obwohl mein Kumpel gar nicht da war. Selbst seine Brüder sehen mich schon quasi als Teil der Familie an. Die Mutter hat mich auch schon einmal hier besucht und sich mit meiner Oma angefreundet. Die schreiben heute noch viel auf WhatsApp. Irgendwie ist das eine merkwürdige Konstellation, weil das so unerwartet war. Aber es ist schön, dass sie sich gut verstehen. Dadurch fühlt sich alles noch familiärer an.

Hast du ein besonderes Erlebnis, das du dort erlebt hast?

Ja, erst letzte Woche wurde ich von Finnen angesprochen „Findest du Marienhof gut?“. Ich war völlig irritiert. Das ist bei uns ja schon seit Jahren abgesetzt. Und dann fangen die an das Titellied zu singen und zu erzählen, dass sie voll auf Frank Töppers abfahren.

Was sind denn sonst Dinge, die dir in Finnland aufgefallen sind?

Die Preise sind ein großer Unterschied. Ich kann mir kaum vorstellen, wie manche Studenten in Finnland dauernd betrunken sein können bei den Preisen. Für eine Flasche Jägermeister zahlt man dort beispielsweise um die 40 Euro. Aber irgendwie schaffen die das trotzdem. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Menschen dort allgemein besser mit der Natur umgehen. Beispielsweise sind dort die Straßen und Gehwege nicht so mit Kaugummis zugepflastert.

Vanessa steht auf einem zugefrorenen See in Savitaipale.
Foto: Privat

Vanessa steht auf einem zugefrorenen See in Savitaipale.

Foto: Privat

Wie sieht es mit der Digitalisierung aus?

Es ist deutlich besser als hier. Viel weniger Papier und auch sonst sind viele Dinge, wie beispielsweise das Internet, sind angenehmer. Ein Beispiel: Man hat in Finnland nicht die Möglichkeit, einen Handyvertrag mit begrenztem Datenvolumen abzuschließen. Bei meinem Vertrag habe ich unbegrenzt Highspeed-Internet, das ich sogar zum Zocken mit dem Laptop verwenden könnte. Außerdem habe ich noch 1.200 Freiminuten und Frei-SMS sowie 10 Gigabyte Internetvolumen im EU-Ausland. Und das für ungefähr 21 Euro.

Schlägt sich das noch auf andere Bereiche nieder?

Bargeldloses Bezahlen ist sehr stark verbreitet. Kaum jemand hat Bargeld bei sich. Ist für mich etwas umständlich. Ich bin da, wie viele andere Deutsche auch, eher ein Freund von meinem Bargeld. Das fühlt sich irgendwie sicher an

Das Bargeld gibt dir also eine Art Sicherheit, da es vertraut ist. Wie reagieren die Finnen denn allgemein auf Fremde?

Die Finnen sind immer sehr irritiert, dass sich jemand für ihr Land interessiert. Besonders irritiert sind sie, wenn man dann etwas auf Finnisch sagt. Die Finnen denken eher in die Richtung „Wieso sollte jemand finnisch lernen wollen? Es gibt doch nur so wenige Finnen und die können alle Englisch.“

War die Entscheidung schwer jetzt für längere Zeit dort zu bleiben?

Ich hatte immer den Wunsch nach Finnland zu ziehen. Daher kam mir das Angebot der Uni schon sehr gelegen. Außerdem war ich gerade in der Phase, in der ich nicht wusste, was ich nach meinem Bachelorstudium machen wollte. Wenn ich nicht nach Finnland gegangen wäre, bin ich mir sicher, dass ich nicht direkt meinen Master angefangen hätte.

Wie unterscheidet sich denn das Studium selbst von dem, was du kennst?

Das Studium ist sehr viel stärker digitalisiert. Unter fünf Prozent hatten vielleicht Papier und Stift dabei. Ansonsten sitze alle mit ihren Laptops da. Das kannte ich aus Göttingen anders. Die Uni in Jyväskylä stellt auch Tablets für manche Kurse. Sämtliche Hausarbeiten werden in einem digitalen System hochgeladen und benotet. Auch die Gruppenarbeiten laufen darüber. Das ist alles ziemlich papierlos.

Vanessa in Santa-Clause-Village. Foto: Privat

Vanessa in Santa-Clause-Village.

Foto: Privat

Man sagt, dass Studenten in Finnland vom Staat Geld bekommen. Stimmt das?

Ja, das ist richtig. Und im Gegensatz zum Bafög in Deutschland muss das Geld auch nicht zurückgezahlt werden. Jeder bekommt hierbei die gleiche Summe, es sind jedoch noch Zuschüsse für Mietkompensation möglich.

Gilt das für jeden Studenten?

Für Austauschstudenten gibt es diese Unterstützung nicht, da man dafür im Sozialsystem registriert sein muss. Wenn man länger dortbleibt, registriert ist und eine Identifikationsnummer erhalten hat, reicht das jedoch auch noch nicht aus. Die genauen Voraussetzungen kenne ich noch nicht.

Was ist das Besondere an dieser Identifikationsnummer?

Man hat seine Sozialnummer und mit der kann man sich überall identifizieren. Selbst auf Behörden reichen diese Nummer und eine Bankverbindung. Mehr brauchst du einfach nicht. Auch, wenn du irgendwo anrufst; du gibst deine Nummer an und dann wissen die alles, was sie wissen müssen.

Ist das nicht datenschutztechnisch bedenklich?

Datenschutz ist schon gegeben. Man darf sie halt nur niemand Unbefugten weitergeben. Die Nummer besteht aus deinem Geburtsdatum, drei weiteren Zahlen und einem Buchstaben. Die muss man einfach wissen und nicht weitergeben.

Gibt es denn etwas, das du vermisst, wenn du in Finnland bist?

Meine Badewanne (lacht). Spaß beiseite: Die haben da nur diesen megasüßen Cider. Daher erzähle ich immer allen von dem tollen, hessischen Apfelwein.