Exportprodukt Metal: Eine musikalische Spurensuche

Wer Metal hört, der kommt an Skandinavien nicht vorbei. Spätestens seit den 90er Jahren dominieren die Bands aus dem hohen Norden fast sämtliche Genres im Metalbereich. Weshalb sich gerade dort so viele Fans der härteren Musik finden, hat vielfältigere Gründe, als man zunächst denken würde.
5. Februar 2019
Die schwedischen In Flames beim Wacken Open Air 2018.

Exportprodukt Metal: Eine musikalische Spurensuche

Wer Metal hört, der kommt an Skandinavien nicht vorbei. Spätestens seit den 90er Jahren dominieren die Bands aus dem hohen Norden fast sämtliche Genres im Metalbereich. Weshalb sich gerade dort so viele Fans der härteren Musik finden, hat vielfältigere Gründe, als man zunächst denken würde.
5. Februar 2019

Wenn es einen Ort gibt, dem ein ganz besonderer Fleck im Herzen eines jeden Metalfans zuteil wird, dann ist es Skandinavien. Das schwedische Göteborg wird als Geburtsort des Melodic Death Metals verehrt, Norwegen ist bekannt für seinen düsteren Black Metal, und die Finnen sind mit Bands wie Lordi oder Nightwish selbst über die Metalgemeinde hinaus bekannt und kommen zudem auf die höchste Metal Band-Dichte weltweit. Aber woran liegt das eigentlich? Eine Spurensuche.

Düstere Musik gegen die Winterdepression

Fragt man in Internetforen um Rat, so sind die meisten Antworten eher zum Schmunzeln – „Die machen alle Musik, um im Winter auf Tour und weit weg zu kommen“, „weil überall auf der Welt der Sprit billiger ist“, oder auch „weil es dauernd dunkel und der Alkohol teuer ist, da macht man halt Musik“. Zumindest an der Sache mit den Natureinflüssen scheint aber tatsächlich etwas dran zu sein. Dass sich das kältere und dunklere Leben im Norden auch in der Musik niederschlägt, ist meistens eine der ersten Theorien und wird auch von vielen Bands selbst angeführt. “Hier in Finnland sehen wir nicht allzu viel Sonne im Winter, da kann man leicht ein wenig depressiv werden. Dagegen hilft es, kraftvollen [Power] Metal zu machen!”, sagt zum Beispiel Stratovarius-Sänger Timo Kotipelto.

Entgegen der leichten und beschwingten Ukulele-Musik, wie man sie von tropischen Paradiesinseln wie Hawaii kennt, könnten sich die langen, kalten Winternächte in der emotionalen Düsternis des Metals wiederfinden – die Musik reflektiere den Lebensstil. Immerhin geht in vielen Gebieten die Sonne oft für ganze Tage oder sogar Wochen unter. Harte Wetterbedingungen bringen harte Menschen hervor, die harte Musik mögen – ob die Erklärung so nahe liegt?

Aufgreifen der Wikinger-Mythologie

Es bleibt zunächst spekulativ, denn nicht weniger oft müssen der Einfluss der nordischen Mythologie und die Wikinger-Vergangenheit Skandinaviens als Erklärungen herhalten. Der Bezug zu epischen Schlachten und mutigen Kriegern ist ein beliebtes Motiv im Norden, und die alten blutrünstigen Sagen bieten tolle Geschichten für den Metal. Viking Metal ist sogar ein eigenes Genre – das seinen Ursprung wenig überraschend in Schweden hat.

Amon Amarth-Frontmann Johan Hegg bei Rock am Ring 2013.

Amon Amarth-Frontmann Johan Hegg bei Rock am Ring 2013.

Foto von Achim Raschka / CC-BY-SA-4.0

Aber auch abseits des Viking Metals finden sich immer wieder Bezüge zur Mythologie, so mit am bekanntesten bei der schwedischen Band Amon Amarth, die sich textlich ausschließlich mit der Wikinger-Mythologie befasst und auch bei ihren Album-Artworks und Bühnenshows stark darauf zurückgreift. Die Skandinavistin Dr. Imke von Helden von der Uni Koblenz-Landau hat sich im Rahmen zahlreicher Band-Interviews speziell mit dieser Thematik befasst und stellte fest, “dass es sich für die Musiker richtig anfühlt, das mit der Musik in Verbindung zu setzen, diese Stereotype von raubeinigen Gesellen und Schlachten”.

Überhaupt hat der Norden vor allem härtere Metal-Richtungen mit gutturalen Gesangs- und Scream-Techniken hervorgebracht, und tatsächlich – der sogenannte „Death-Growl“, ein prägendes Merkmal des Death Metals, wird oftmals der Kultur der Wikinger zugeschrieben. Schon im zehnten Jahrhundert berichtete ein arabischer Kaufmann nach einer Dänemark-Reise vom Gesang der Wikinger in Slesvig und verglich die ungewohnten Laute mit „knurrenden Hunden, bloß noch wilder und ungebändigter“. Auch hier könnte also tatsächlich etwas Wahres dran sein.

Musikförderung durch den Staat


“Generell hat Musik in Skandinavien einen größeren Stellenwert als in Deutschland”, erklärt von Helden. Bereits im Kindesalter wird viel Wert auf musikalische Förderung gelegt. Dazu kommen der Wohlstand und die finanziellen Mittel der nordischen Länder, mit denen sie ihre Künstler unterstützen. In Schweden beispielsweise bieten kommunale Musikschulen fast allen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, das Singen oder ein Instrument zu erlernen, und das zu niedrigen Kosten. In Norwegen, Dänemark und Finnland wird die musikalische Entwicklung sogar direkt durch staatliche Mittel gefördert, meistens durch das Kultusministerium oder auch durch direkte Zuschüsse an Gemeinden und Vereinigungen, um beispielsweise Musikwettbewerbe, Konzerte und Plattenaufnahmen zu unterstützen. Zudem gibt es für Amateure und professionelle Musiker eine große Bandbreite an Musikorganisationen.

Martin Larsson, Gitarrist von At The Gates, beim Elbriot Festival 2016.

Martin Larsson, Gitarrist von At The Gates, beim Elbriot Festival 2016.

Foto von Frank Schwichtenberg / CC BY-SA 3.0

Grundsätzlich wollen in Skandinavien nicht unbedingt mehr Leute Bands gründen als auch in anderen Ländern, jedoch ist deren Förderung dort wesentlich besser. Anders Fridén, Sänger von In Flames, betont zum Beispiel die Rolle des kleinen Göteborger Klubs Valvet, der von einer gemeinnützigen Organisation geleitet wurde und ihnen überhaupt erst die Möglichkeit gab, regelmäßig vor Publikum zu spielen. Nur so konnten sie in den kommenden Jahren mit Dark Tranquillity und At The Gates – beide ebenfalls aus Göteborg – den weltbekannten Göteborger Metal prägen und gemeinsam den Melodic Death Metal ins Leben rufen. Ähnlich äußerte sich auch At The Gates-Gitarrist Martin Larsson: “Was damals wirklich geholfen hat, war die städtische Unterstützung mit Proberäumen und Musikstunden.” Es werde oft vergessen, was für eine wichtige Rolle der Staat bei der Entwicklung der Göteborger Metalszene gespielt hat.

Zeichen von Fortschritt und Wohlstand


Ökonomische und soziokulturelle Aspekte spielen also ebenfalls eine Rolle. Laut einer Studie von Richard Florida der Bostoner CityLabs und Charlotta Mellander des Martin Prosperity Institutes aus dem Jahr 2014 ist Metal demnach besonders in fortschrittlichen und wohlhabenden Ländern mit einer zufriedenen Bevölkerung beliebt. Dafür spielen speziell die ökonomische Leistung, ein hohes Maß gesellschaftlicher Entwicklung, die Zahl der Erwachsenen mit einem Hochschulabschluss, sowie Wohlstand und Zufriedenheit eine entscheidende Rolle.

Mit einem ähnlichen Ansatz hat Donald Maguire in seiner Studie “Determinants of the production of Heavy Metal music” die wichtigsten Faktoren ferner auf sieben Variablen eingegrenzt: Einerseits die Zahl an Konzerthallen, die überhaupt erst die Möglichkeit für Auftritte schaffen. Außerdem die geografische Lage, wonach mit zunehmender Distanz vom Äquator auch die Zahl der Bands zunehme – als möglichen Grund nennt Maguire, dass betroffene Länder zu beschäftigt mit der Bewältigung von Krankheiten und der extremen Hitze seien, um im selben Maß Musik zu produzieren. Zudem ist ein geringer Anteil der männlichen Bevölkerung zwischen 15 und 24 Jahren relevant, wobei er vermutet, dass diese Altersgruppe bei einer niedrigen Repräsentation in der Gesellschaft die Musik nutze, um sich Gehör zu verschaffen.

Weltweite Dichte von Metal-Bands. In Skandinavien kommen über 50 Bands auf je 100 Tausend Einwohner.

Copyright Metal Archives / CC BY-SA depo 2012

Eine Frage des Glaubens?

Während der Einfluss der Rechtsgeschichte eines Landes sowie dessen Dauer unter marxistischem Einfluss nicht ganz klar werden, betreffen die zwei ausschlaggebendsten Variablen schließlich die Religion, nämlich der Anteil der katholischen Bevölkerung sowie der Anteil ohne Religion bzw. der Ex-Protestanten. Das legt zum einen nahe, dass Katholiken, die den Metal für sich entdecken, weniger dazu neigen, sich von ihrem Glauben zu distanzieren als Protestanten, und andererseits, dass der oft als unterdrückend empfundene christliche Glaube eine hohe Zahl an Metalfans hervorbringt, was wiederum zum stark vom Christentum dominierten Skandinavien passen würde.

Somit kommt also auch die Religion als entscheidender Faktor infrage. Natürlich muss dazu gesagt werden, dass die Popularität des Metals in einer Gesellschaft nicht automatisch für Wohlstand, höhere Bildung oder Zufriedenheit sorgt oder andersherum, jedoch waren die Zusammenhänge der genannten Faktoren wissenschaftlich auffallend stark.

Eine eindeutige Ursache lässt sich abschließend also nicht benennen. Vielmehr scheinen von den Umwelteinflüssen und der nordischen Mythologie über die staatliche Förderung bis hin zu komplexen wirtschaftlichen und demografischen Zusammenhängen viele einzelne Faktoren zusammenzuspielen, um Skandinavien zur Heimat vieler der großartigsten Metalbands der Gegenwart zu machen.