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Max Martin—Das Genie hinter dem Ohrwurm

Max Martin ist ein schwedischer Exportschlager. Ob für Taylor Swift, Bon Jovi oder Christina Aguilera—er schreibt Hits am laufenden Band.
14. Februar 2019

Schweden ist bekannt für seine Musikexporte. Vielleicht, weil es einem als Künstler in den Skandinavischen Gefilden leicht gemacht wird. Eine musikalische Ausbildung gehört zum guten Ton. Es mag aber vielleicht auch an Menschen wie dem Stockholmer Max Martin liegen. Von der internationalen Presse liebevoll „Hitmaschine“ genannt, bringt er seit über 20 Jahren einen Kassenschlager nach dem nächsten auf den Markt. Heute weiß man, dass er sich an strenge Regeln hält und der Erfolg alles andere als Zufall ist. 

Alles begann, wie so oft: Karl Martin Sandberg, so sein bürgerlicher Name, spielte in einer schwedischen Funk-Metal-Band. Mit It’s Alive, ergatterte er zu Beginn der neunziger Jahre einen Plattenvertrag bei Denniz PoP – ein Schlüsselmoment seines Lebens. Der Inhaber der Cheiron-Studios in Stockholm erkannte schnell Martins Begabung und brachte ihm das Komponieren und Produzieren bei. Es resultierten erste kommerzielle Erfolge: Der Rednex-Song Wish You Were Here ist vielen noch in Erinnerung. Es dauerte kein weiteres Jahr, da begab er sich gemeinsam mit den Backstreet Boys ins Studio. Unzählige weitere Erfolge mit großen Künstlern, wie Bon Jovi, Céline Dion, Christina Aguilera oder Justin Bieber, folgten. Selbst Adele und Taylor Swift, die beide dafür bekannt sind, ungern das Zepter aus der Hand zu geben, vertrauten auf das Können des Schweden. 

Der unermüdliche Komponist

1998 starb Denniz PoP an Krebs und Max Martin entschloss, seine Wirkungsstätte von Stockholm nach Kalifornien zu verlegen. Mit 27 Jahren blickte er bereits auf einige erfolgreiche Jahre zurück. Aber seine nächste Produktion sollte ein weiterer Meilenstein in der Karriere des Schweden sein. Max Martin lag bereits erschöpft im Bett, als ihm diese Songidee in den Sinn kam. Er nahm ein kleines Diktiergerät zur Hand, um eine erste Skizze des Songs festzuhalten. Das Gefühl stimmte und er versuchte, sich aus dem Bett zu zwingen. Er stand schließlich auf, ging ins Studio und nahm verschiedene Versionen eines Titels auf, der später Rekorde brechen sollte. 

Künstler unterschiedlichster Genre setzen auf Max Martins Können. Justin Timberlake bezeichnete die Arbeit mit Max Martin als sehr entspannt und fokussiert. Er lege viel Wert auf das Songwriting und die Stimme, wobei er diese mehr als ein Instrument betrachte. „Er ist ein Meister für Ohrwürmer – selbst in müdem Zustand, mitten in der Nacht vollbringt er Wunder.“ Was er noch völlig schlaftrunken auf Band verewigte, war ein dumpfes „Hit me baby one more time.“ Ein Superhit, der später die damals noch 16-Jährige Britney Spears von Null auf Eins katapultierte.

Etwas, das Martin von seinem Mentor Denniz PoP lernte: Ein Song braucht keine große Einleitung. Die ersten Sekunden müssen bereits die volle Aufmerksamkeit des Hörers einfangen. Ein Konzept, das er stur verfolgt. Hit me baby one more time erkennt man ab dem ersten Taktschlag: Alle sieben Sekunden muss etwas im Songverlauf passieren, ein Einschlag stattfinden, der erneut den Zuhörer fordert und ihn mitnimmt. Dabei bedient er sich meist nicht mehr als sechs Akkorden. Viel mehr geht es um die Energie, die seine Kompostionen in den verschiedenen Abschnitten der Songstruktur aufweist. 

„Es ist die gleiche Melodie, aber die Energie ändert sich“

Er selbst beschreibt es in einem seiner seltenen Interviews mit der schwedischen Zeitung Dagens Industri so: „Wenn du den ersten, zweiten und dritten Refrain eines Songs hörst, dann klingen sie nicht gleich. Es ist die gleiche Melodie, aber die Energie ändert sich. Es geht darum, dass der Zuhörer die Konzentration behält.“ Eine Technik, die er selbst als die Prince-Theorie bezeichnet: Strophe und Chorus behalten ein und die selbe Melodie bei. Ein Pre-Chorus, die Überleitung zum Refrain, verrückt kurzzeitig den Blick des Zuhörers, bis schließlich die unverkennbare Melodie spielt – unverändert im Vergleich zur Strophe – sie wirkt jedoch ganz anders und neu. Er schätzte Prince sehr für seine Verrücktheit und die unkonventionelle Weise, Songs zu produzieren. 

Eine seiner weiteren Erfolgsformeln beschreibt der Journalist John Seabrook in der Studie „Song Machine – Inside the Hit Factory“, in der er sich in weiten Teilen auf Max Martin bezieht: Das Vertauschen von Dur- und Moll-Akkorden lässt fröhliche Lieder traurig und traurige Lieder fröhlich erklingen. Eine Methode, die Spannung erzeugt. Spannung, für die der Pop-Gigant im privaten Leben wenig übrig zu haben scheint. Er gibt sich gekonnt bedeckt, hält sich weitgehend aus der Öffentlichkeit fern und scheint in seiner Heimat, Los Angeles, zwischen all dem Glanz und Glamour möglichst unerkannt seinem Talent zu folgen. In seinem Haus, das einst Frank Sinatra gehörte und in dem auch Madonna eine Zeit residierte, ist das ganze Leben auf die Musik ausgerichtet: 22 Nummer-Eins-Hits seit 1999 sprechen für sich.

Wein und Perfektionismus

An seiner Arbeitsweise hält er bis heute unverändert fest und gibt sich gekonnt bescheiden. Wenn Pink zu Besuch im Studio war, begann der Arbeitsprozess nicht bevor die erste von drei Flaschen Wein geleert war. Sie schätzt ihn vor allem für seine Zurückhaltung, die er auch auf seine Kunden übertragt. Er hält sie oft zurück, lässt sie tief durchatmen. Viele große Namen profitierten von der Tatsache, dass er selbst ein Sänger ist. Britney Spears verriet einst, dass sie ihm teilweise ängstlich gegenüber stand und sich sorgte, etwas falsch zu machen, seinem Perfektionismus nicht gerecht zu werden.

Max Martin ist immer auf der Suche nach einer Stimme, die seine Melodien auf ein neues Level heben. Pop-Musik, gepaart mit einer Portion „Flavour“, wie er es beschreibt. Und mit seinen 47 Jahren ist er noch lange nicht am Ende einer Karriere.