Krebse zum Frühstück

Kräftskiva. Das ist nicht unbedingt ein Wort, bei dem direkt eine kleine Glühbirne über Jedermanns Kopf aufleuchtet. Auch für mich schien dieser Ausdruck zunächst so fremd, wie die skandinavische Halbinsel selbst – bis zu dem Tag, an dem ich mich entschloss die schwedische Tradition, die mit diesem Begriff verbunden ist, selbst zu erleben.
19. Dezember 2018
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Krebse zum Frühstück

Kräftskiva. Das ist nicht unbedingt ein Wort, bei dem direkt eine kleine Glühbirne über Jedermanns Kopf aufleuchtet. Auch für mich schien dieser Ausdruck zunächst so fremd, wie die skandinavische Halbinsel selbst – bis zu dem Tag, an dem ich mich entschloss die schwedische Tradition, die mit diesem Begriff verbunden ist, selbst zu erleben.
19. Dezember 2018

Traditionell feiern die Schweden ihr Krebsfest einmal im Jahr, wenn sich der Hochsommer dem Ende zuneigt. „Kraeftskiva“ – wie die Tradition im Schwedischen genannt wird – findet oft im Kreis der Familie statt. Für meinen kleinen Selbstversuch lade ich daher meine Eltern, meine Schwester, die Großeltern und meine Urgroßmutter ein. Auf meine Einladung zu einem schwedischen Krebsfest reagieren alle mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier. Ich selber bin auch relativ gespannt, zumal ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie man Krebse eigentlich kocht.

Wenn das Wetter es noch zulässt, wird Kraeftskiva in Schweden gerne unter freiem Himmel gefeiert. Ein Grund dafür: Die Krebse riechen beim Kochen stark, weshalb draußen auch die Geruchsempfindlichen das Fest ungestört genießen können. Da das Wetter bei mir in Deutschland aber bereits relativ frostig ist, beschließe ich, meine Krebse in unserer Küche bei weit aufgerissenem Fenster zuzubereiten. Als ultimative Location für das Fest nutze ich das schwedische Gartenhaus meiner Eltern.

Auch wenn das Hauptaugenmerk der Kraeftskiva natürlich auf den Krebsen liegt, muss auch die Dekoration stimmen. In Schweden findet man bereits ab August in allen Supermärkten die passenden Utensilien: Servietten mit Krebsmotiven, Plastikbesteck und -geschirr, Lampions für den Garten, Partyhütchen und bunte Fahnen gehören hierbei zum traditionellen Inventar. Da meine Familie und ich auf Nachhaltigkeit achten, haben wir vereinbart, uns nur auf wiederverwendbare Dekoration zu beschränken und das Plastikbesteck und -geschirr durch normales Geschirr zu ersetzen.

Die Krebse kaufe ich eine Woche vor unserem Fest im Internet. Für vier Packungen mit jeweils 1000 Gramm und den Versand bezahle ich knapp 100 Euro – kein leichtes Unterfangen für mein Portemonnaie, das muss ich zugeben. Auch waschechte Schweden steigen nur noch selten in den Fluss, um ihre eigenen Krebse zu fangen. Denn einheimische Flusskrebse oder die aus den USA eingewanderten Signalkrebse sind leider auch in Schweden rar geworden – und dadurch sehr teuer. Eine großen Krebspest vernichtete in ganz Skandinavien große Teile der Krebsbestände; die restlichen Populationen wurden dann umso intensiver bewirtschaftet, bis nur noch kleine Restbestände übrig waren. Heute werden die gefrorenen Süßwasserkrebse meist aus der Türkei, Spanien oder China nach Schweden importiert.

In Schweden werden die Krebse traditionell kalt serviert. Dazu wird viel Knäckebrot, Baguette und oft auch gewürzter Käse gereicht. Auch ist es wichtig, eine Schale mit Wasser oder Zitronen auf dem Tisch zu haben, da es beim Aufbrechen und Verzehren der Schalentiere meist ziemlich schmutzig zu geht. Den Käse kaufe ich in einem Käse-Fachgeschäft. Die anderen Beilagen finde ich im Supermarkt relativ schnell. Auch die Zubereitung der Beilagen geht mir leicht von der Hand. Da ich heute noch nicht gefrühstückt habe, verschwindet das ein oder andere Stück Käse bereits, bevor es auf dem Servierteller landet.

Jetzt geht es ans Eingemachte – die Krebse müssen gekocht werden. Sie werden in Salzwasser mit viel Dill, etwas Zucker und einem Löffel Honig in einem großen Topf gekocht. So entsteht ein sogenannter Dill-Sud, in dem die Schalentiere eine ganze Weile sieden. Eine Alternative zu diesem Sud wäre das Kochen der Krebse in Bier, zum Beispiel Porter. Während meine Krebse kochen, breitet sich in unserer Küche, trotz des offenen Fensters, ein starker fischiger Geruch aus.

Ich bin etwas skeptisch, ob die Krebse auch gut schmecken werden, da ich sie gefroren gekauft habe. Im originalen Rezept werden die Tiere lebendig in kochendes Wasser gelegt, wozu ich mich jedoch nicht durchringen könnte. Bei einem Krebsfest rechnet man mit circa 600 bis 800 Gramm Krebs pro Erwachsenem. Obwohl ich vier Packungen aufgetaut und zubereitet habe, kommt mir die Menge für sieben Erwachsene doch wenig vor. Für diese Feststellung ist es jedoch jetzt ein wenig zu spät, denn meine Großeltern sind inzwischen angekommen und haben es sich bereits in unserer dekorierten Schweden-Hütte gemütlich gemacht.

Bitte lächeln! Gemeinsam stoßen wir mit einem kühlen Bier an und beginnen dann direkt mit dem Aufbrechen der ersten Flusskrebse. Auch in Schweden geht das Krebsfest in der Regel mit viel Bier- und Schnapskonsum einher. Ein berühmter Trinkspruch lautet: „Ein Krebs, ein Lied, ein Schnaps“. Den Verdauungsschnaps haben wir jedoch erst für nach dem Essen angesetzt – wir wollen es ja nicht überstürzen.

Mit ein wenig Übung lassen sich die Flusskrebse einfach öffnen. Da mein Großvater bereits mehrere Male in Skandinavien war, ist schnell klar, wer am besten mit den Schalentieren umgehen kann. Das meiste Fleisch ist im Schwanz des Krebses. Bricht man den Körper zwischen Rumpf und Schwanz einmal durch und biegt den hinteren Teil in die entgegengesetzte Richtung, lässt sich das Fleisch leicht aus dem Panzer ziehen. Das war’s auch schon. Viel mehr Essbares ist aus den Flusskrebsen ohne enormen Aufwand nicht zu holen.

Während des Essens bleibt die Stimmung heiter. Mein Großvater erzählt uns Geschichten von seinen Reisen nach Finnland, Norwegen und Schweden. Und die Krebse werden immer weniger. Ich bereue es nicht, die Krebse online bestellt zu haben – sie sind einfach wesentlich leichter zu essen, wenn ich sie vorher nicht lebend gesehen und gesiedet habe. Dem stimmt auch meine Familie zu. Geschmacklich erinnert mich das Fleisch übrigens an einen hochwertigen Shrimp.

Langsam neigt sich unser Essen dem Ende zu. Übrig geblieben sind nur ein großer Haufen geknackte Panzer und einige durchgeweichte Servietten. Das Baguette, der Käse und das Knäckebrot sind leer und das Bier ausgetrunken. Satt und zufrieden mache ich mich an die Aufräumarbeiten. Langsam wird mir der starke Geruch der Krebse etwas unangenehm.

Nachdem alle Reste aufgeräumt sind und auf dem Tisch wieder etwas Platz ist, serviert meine Mutter den Nachtisch: Eine schwedische Mandel-Tarte. Während der Vorbereitungen auf unsere private kleine Kraeftskiva kam meiner Mutter die Idee, zusätzlich noch ein kleines Dessert – natürlich ebenfalls schwedischer Art – vorzubereiten. Die Tarte kommt bei meiner Familie beinah genauso gut an, wie die Krebse.

Das Krebsfest ist neben Mittsommer eine der liebsten Traditionen Schwedens. Inzwischen verstehe ich auch warum. Eine schöne Zeit mit der Familie verbringen, zusammen lachen, etwas essen und sich gegenseitig beim Öffnen der Krebse helfen – sowas schweißt zusammen und garantiert eine schöne Zeit mit den Menschen, die einem am nächsten stehen. Auch wenn wir nicht alle vollständig satt geworden sind, waren es die gemeinsamen Stunden auf jeden Fall wert. Außerdem weiß ich jetzt, wie man Krebse kocht.