Dem Glück auf der Spur

Alle Menschen streben nach Glück. Die Dänen haben offenbar einen besonders vielversprechenden Weg zu diesem Ziel gefunden: Hygge. Was nach einem Möbelstück von IKEA klingt, ist angeblich das Erfolgsrezept für ein erfülltes Leben. Doch was steckt eigentlich dahinter?
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Dem Glück auf der Spur

Alle Menschen streben nach Glück. Die Dänen haben offenbar einen besonders vielversprechenden Weg zu diesem Ziel gefunden: Hygge. Was nach einem Möbelstück von IKEA klingt, ist angeblich das Erfolgsrezept für ein erfülltes Leben. Doch was steckt eigentlich dahinter?

Franciska Køhn trägt einen gestrickten Pullover aus dicker Wolle, ihre braunen Haare sind zu einem lockeren Dutt nach oben gebunden. Sie sitzt auf ihrem Bett und hält eine Tasse Tee in den Händen, als ich sie auf Skype anrufe.

Als sie drei Monate alt war, kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. 16 Jahre später wollte Franciska ihre Wurzeln wiederentdecken und ging zurück in die Heimat ihrer Eltern: Dänemark.

„Für jeden bedeutet Hygge etwas Anderes. Im Prinzip fragst du mich ja: Was bedeutet für dich Gemütlichkeit?“, entgegnet sie, als ich um ihre Meinung zum sagenumwobenen Hygge-Begriff bitte. Im Prinzip sei es einfach nur ein Wort mit einer ganz bestimmten Bedeutung. „Es ist ja keine Lebensphilosophie. Das würde ja bedeuten, dass man Gemütlichkeit als Lebensphilosophie hat.“

HYGGELIG

Hygge—das steht für Gemütlichkeit und Wohlbefinden. Nicht zuletzt ist es ein Ausdruck für Glück. Aus der Redensart wurde schnell ein Lebensgefühl, erfunden im Land, das laut World Happiness Reportals eines der glücklichsten der Welt gilt.

Der Glückszustand als Statussymbol

Das Hygge-Phänomen machte sich bereits vor einiger Zeit im beschaulichen Dänemark bemerkbar. Mit nur etwa 5,7 Millionen Einwohnern hat das skandinavische Land genau die richtige Größe, um Trends schnell zu verbreiten. Das weiß auch Franciska: „Wir sind ein kleines Land, wir brauchen mehr Touris. Wie branden wir uns? Zack, Hygge – das isses!“ Hygge ist längst über Ländergrenzen hinaus bekannt. Parallelmodelle wie Lagom in Schweden imitieren den Glücksboom. Auch in deutschen Kiosken reihen sich Lifestyle-Magazine rund um Hygge im Zeitschriftenregal aneinander.  Für die Geografin ist Hygge „ausgelutscht, aufgesetzt und gezwungen“. Dänemark wurde laut World Happiness Report längst von seinen Ländernachbarn Finnland und Norwegen in Sachen Glücklich-Sein überholt und belegt nur noch Platz 3 im Ranking. „Nur weil Dänemark diesen Ruf hat, heißt das nicht, dass man aus dem Flieger steigt und sofort mit Lebensfreude angesteckt wird“, meint die 26-Jährige. „Es ist einfach Teil der Kultur. So, wie man mit Messer und Gabel isst, so benutzt man das Wort Hygge.“

Es ist einfach Teil der Kultur. So wie man mit Messer und Gabel isst, so benutzt man das Wort Hygge.“

—Franziska Køhn

Die halbe Welt will von den Dänen lernen, was es heißt, handfestes Glück zu erfahren. Nicolai Zsigmondy studiert Soziale Arbeit in Darmstadt. Ihn zog das fortschrittliche Sozialsystem nach Dänemark. 2017 verbrachte er ein Auslandssemester in der Kulturhauptstadt Aarhus, wo der Hygge-Faktor besonders groß zu sein scheint. „Ich hatte erstmal keine Ahnung, was das überhaupt sein soll. Niemand konnte es so richtig in Worte fassen“, erinnert sich der Student. Es sei schwer zu erklären, aber es ist überall. Nach einigen Wochen im kleinen skandinavischen Königreich lernte Nicolai Hygge als wichtigen Bestandteil der dänischen Lebensphilosophie kennen. Er resümiert: „Zusammen mit seinen besten Freunden gemütlich im Warmen sitzen, während es draußen kalt ist – das heißt für mich Hygge.“ Genau das tat er nach jedem Acht-Stunden-Tag in der Uni, weil Aarhus im Tal liegt und sein Wohnheim 20 Minuten außerhalb auf einem Berg. Wie man sich hyggelige Atmosphäre vorstellen kann? „Heimelige kleine Cafés, alles ist nett dekoriert und man fühlt sich irgendwie zuhause.“ Das Gesamtpaket muss stimmen. Hygge, das ist ein netter Abend mit Freunden, ein schönes Essen, gemütliche Atmosphäre, Zufriedenheit und Glück. Wer Dänemark verstehen will, muss dieses Gefühl begreifen lernen.

WIKINGERRELIKT

Aarhus ist ein von Wikingern gegründeter Seehafen, der 98 Meilen hinter dem Kattegat an der Ostküste der Halbinsel Jütland liegt. Mittelalterliche Straßen im Quartier Latin oder der Bauernmarkt von Ingerslevs Boulevard vermitteln die Gemütlichkeit, die die Stadt auszeichnet.

Nicht alles, was glänzt, ist Hygge

Acht Stunden Uni, acht Stunden Freizeit und acht Stunden Schlaf. Die Dänen leben nach dem 8-8-8-Prinzip. Anders als in der deutschen Leistungsgesellschaft ist Hygge fest in der dänischen Kultur verankert. So heißt es. Franciska sieht das anders: „Ich kenne viele, die von Deutschland herkommen und sich eine Traumwelt vorstellen. Die denken, Dänemark ist das glücklichste Völkchen ever.“ Tatsächlich schafft der vermeintliche Glücksflecken es unter die Top-Ten der Länder mit dem höchsten Antidepressiva-Konsum weltweit.Laut Daten des OECD-Gesundheitsreports (Organisation for Economic Co-operation and Development) liegt Deutschland mit 56,4 Tagesdosen je 1.000 Personen sogar unter dem Durchschnitt (Stand 2015). Scheinen die Dänen etwa deshalb ach so glücklich, weil sie auf Antidepressiva sind? Auf den Kosten einer Psychotherapie bleibt in Dänemark in den meisten Fällen übrigens der Patient sitzen.

„Viele Menschen kommen her und stellen sich eine Traumwelt vor. Die denken, Dänemark ist das glücklichste Völkchen ever.“

—Franziska Køhn

Dänemark ist eben nicht nur Hygge, Hindbærsnitter (dänisches Gebäck) und Heiterkeit, sondern auch Winterdepression und eine überdurchschnittlich hohe Suizidrate. „Man wird unterdrückt und kann sich nicht entfalten. Die Devise lautet: Bloß nicht auffallen. Wenn das so in der Kultur verankert ist, gibt einem häufig das Gefühl, man sei nichts wert“, erklärt Franciska. In Dänemark sei man bescheiden. Die Dänen haben nicht nur ein Wort für ihre Gemütlichkeit erfunden, sondern auch für die landestypische Homogenität: Janteloven bzw. Jantelagen (Schweden) ist in allen skandinavischen Ländern gebräuchlich und beschreibt das Umgangsmuster innerhalb der Gesellschaft. Das Jantegesetz ist sozusagen das „Gesetz der billig Denkenden“, demzufolge niemand etwas Besonderes ist und sich zur Schau stellen sollte.

Was bedeutet Glück?

Es scheint, als sei Hygge der verzweifelte Versuch einer Gegenbewegung. Womit ließe sich eine derart düstere Schattenseite innerhalb der Gesellschaft besser kompensieren als mit einem Glücksstempel? Um diese Frage zu beantworten ist ein Blick hinter die Fassade nötig.

Forscher definieren den Glücksbegriff auf viele Weisen: Lebenszufriedenheit, subjektives Wohlempfinden, positive Emotionen. Tobias Rahm ist Diplom-Psychologe und Glücksforscher an der TU Braunschweig. Was es heißt, glücklich zu sein, vermittelt Rahm in seinen Glückstrainings. Dabei spielt Achtsamkeit eine entscheidende Rolle: „Es geht um eine positive Grundeinstellung. Man muss seine eigenen Interpretationsmuster hinterfragen: Sehe ich überall rote Ampeln und Stopp-Schilder oder sehe ich schöne Blumen und Eichhörnchen?“ Ein gut bezahlter Job und viele Freunde allein reichen nicht aus, um langfristig glücklich zu sein. In erster Linie geht es darum, bewusst zu reflektieren: „Wie sehr ist mein Leben so, wie ich mir wünsche, dass mein Leben sein sollte? Lebenszufriedenheit ist letztendlich ein Ist-Soll-Vergleich.“

JANTELOVEN

Das Jantegesetz beschreibt den kulturellen Code des Umgangs miteinander, nach dem es verpönt ist, sich selbst als besser und interessanter darzustellen als andere. Eine „Jante“ ist im Dänischen ein kleines Geldstück, vergleichbar mit dem „Groschen“ im Deutschen.

Das Jantegesetz beschreibt den kulturellen Code des Umgangs miteinander, nach dem es verpönt ist, sich selbst als besser und interessanter darzustellen als andere. Eine „Jante“ ist im Dänischen ein kleines Geldstück, vergleichbar mit dem „Groschen“ im Deutschen.

Die Gesellschaft kann einen erheblichen Einfluss auf das Glücksempfinden eines Menschen haben. Gewisse gesellschaftliche Rahmenbedingungen schaffen gute Voraussetzungen für Glück. „Zum Wohlbefinden tragen drei psychologische Grundbedürfnisse bei: Autonomie, Kompetenzerleben und soziale Verbundenheit“, erklärt der Psychologe. Es ginge um ein Gemeinschaftsgefühl, das gesellschaftliche Korsett und die Wirkung der eigenen Handlungen auf andere.

„Lebenszufriedenheit ist letztendlich ein Ist-Soll-Vergleich.“

—Tobias Rahm

Wieso aber sind die Menschen in Dänemark vermeintlich glücklicher als andere Völker? Die Dänen haben ein großes Vertrauen in ihre politischen Institutionen. Sie vertrauen darauf, dass die Behörden das Richtige machen. Die Länder hoch im Norden Europas gelten als Vorzeigemodelle wenn es um Bildung, Soziales und Gesundheit geht. Bei gerechter Einkommensverteilung liegt Dänemark ganz vorne.

Der Glücksforscher hat eine These: „In Deutschland gibt es weiterhin die Debatte über die Schere zwischen Arm und Reich. Wenn sich viele Menschen abgehängt oder ungerecht behandelt fühlen, schlägt sich das in der Glücklichkeits-Bilanz eines Landes nieder.“ Dänemark spielt hierbei in der Offensive. In sämtlichen Länder-Rankings liegt die Glücksnation im oberen Bereich. Mit zufriedenstellenden Grundbedürfnissen kann man einiges erklären: Das kann die Gleichstellungspolitik sein, aber auch eine umfassende Kinderbetreuung, gute soziale Systeme und Gerechtigkeitserleben.

Glücklichsein kann man lernen

Ein eindeutiges Glücksrezept gibt es nicht, Glück bleibt individuell – auch in Skandinavien. Dennoch haben negative Emotionen eine volle Daseinsberechtigung, denn sie weisen uns auf Änderungsbedarfe hin“, meint Tobias Rahm. Auch er ist nicht immer glücklich – aber er hat aufgehört, seine Windschutzscheibe zu beschimpfen, wenn ihm die Vorfahrt genommen wird. „Glücklichsein hat einen ähnlich hohen Einfluss auf die Lebenserwartung eines Menschen wie Nicht-Rauchen. Wenn Sie also unbedingt Rauchen müssen, seien Sie wenigstens glücklich dabei. Dann hebt sich das auf.“, sagt er und lacht.

PERMA

Psychologe Martin Seligman hat die Glückskriterien im sogenannten PERMA-Modellzusammengefasst:

  • Positive Emotions — zum Beispiel Dankbarkeit oder Zuneigung empfinden.
  • Engagement — in Aktivitäten aufblühen.
  • Relationships — Teil eines sozialen Netzwerkes sein.
  • Meaning — Spuren hinterlassen.
  • Accomplishment — Ziele erreichen.

Für Franciska bedeutet Glück Familienzusammensein und Sonntagskuchen. Sie verbindet Hygge mit Heimat. Kindheitserinnerungen sind für sie „extra gemütlich“. Jeden Sonntag schaut sie mit ihrer Mitbewohnerin in Kopenhagen den Tatort. „Wenn ich dannTatortgucke, und davor die Tagesschau, dann bekomme ich richtig Heimweh. Oder wenn ich Deutsch spreche, wie jetzt gerade.“ Egal, wie das persönliche Hygge aussieht: Hygge ist alles, was glücklich macht. Überall auf der Welt.