Auf vier Pfoten durch den Schnee

Ein Husky Camp mitten in Hessen? Das klingt erstmal ungewöhnlich. Für Jochen Mühl aus Butzbach ist es jedoch ein wahrgewordener Traum. Mit seinen 15 sibirischen Huskies sorgt er jedes Jahr bei hunderten Gästen für pures Skandinavien-Feeling und steckt mit seiner Begeisterung alle an.
von Nina Haas und Selina Stahl
28. Februar 2019
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Auf vier Pfoten durch den Schnee

Ein Husky Camp mitten in Hessen? Das klingt erstmal ungewöhnlich. Für Jochen Mühl aus Butzbach ist es jedoch ein wahrgewordener Traum. Mit seinen 15 sibirischen Huskies sorgt er jedes Jahr bei hunderten Gästen für pures Skandinavien-Feeling und steckt mit seiner Begeisterung alle an.
von Nina Haas und Selina Stahl
28. Februar 2019

Der erste richtige Schnee ist in der vergangenen Nacht gefallen. Der Verkehr auf der Autobahn zieht sich zäh dahin, während der Scheibenwischer den unnachgiebigen Schneeregen in einem gleichmäßigen Rhythmus von der Windschutzscheibe schiebt. Die Strecke von Darmstadt nach Butzbach im hessischen Taunus beträgt etwas weniger als 80 Kilometer und doch fühlt sich die Fahrt durch die unzähligen Ortschaften endlos lang an. Nicht selten drehen die Räder des kleinen Audis auf einer der weniger gut geräumten Straßen durch und das kleine gelbe Lämpchen hinter dem Lenkrad blinkt warnend auf.

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Velkommen! Hier beginnt Jochen Mühls Reich.

Foto von Selina Stahl

Auch in Butzbach ist alles weiß und glitzert. Das kleine Dorf in Hessen wirkt zunächst konturlos und scheint sich in Nichts von all den anderen Orten im Taunus zu unterscheiden. Doch Butzbach beherbergt entgegen aller Erwartungen etwas Einmaliges: ein Husky-Camp.
Die Handbremse gibt beim Parken ein protestierendes Geräusch von sich, der innere Wunsch nach einer heißen Schokolade und einem Paar flauschiger Kuschelsocken wird lauter. Die Stille des Ortes wirkt erdrückend. Ein eisernes Schild mit dem schwedischen Gruß „Velkommen“ schmückt das gefrorene Eingangstor und eine Schweden-Fahne hängt traurig von einem Mast herab. Es weht einfach nicht genug Wind heute. 

Eine elektronische Klingel gibt es nicht, lediglich eine große gusseiserne Glocke. Ihr Läuten schneidet durch die klare Dezemberluft, augenblicklich verändert sich die Stimmung. Ein paar Krähen fliegen aus einer nahegelegenen Tanne, als aus dem Hinterhof des Hauses durchbricht ein mehrstimmiges Bellen die Stille. Wenige Sekunden später nähern sich knirschende Schritte und ein hochgewachsener Mann tritt um die Ecke: Jochen Mühl, der Betreiber des Husky-Camps Butzbach.

Vom Taunus nach Schweden

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Augen zum Dahinschmelzen: Blaue Augen sind bei sibirischen Huskys keine Seltenheit.

Foto von Selina Stahl

Eine Husky-Zucht in Hessen klingt erstmal wenig ungewöhnlich. Schließlich gibt es überall Hundezüchter, die eine bestimmte Hunderasse züchten. Egal ob Schäferhund, Golden Retriever oder eben Sibirischer Husky, sie ziehen Welpen auf und verkaufen sie dann an Hundefans. So weit, so normal. Bei den Huskys aus Butzbach ist das allerdings anders. Sie werden nicht gezüchtet, um später verkauft zu werden, sondern werden zu waschechten Schlittenhunden trainiert. Schlittenhunde mitten in Hessen? Eher ungewöhnlich. Schließlich sind wir in Hessen nicht gerade dafür bekannt, jährlich unter tonnenweise Schnee begraben zu werden. Jochen Mühl macht das trotzdem möglich. Und das schon seit vielen Jahren. Zum Hundesport kam er durch seinen Schwiegervater und war sofort begeistert. Jetzt nimmt er seine 15 Schlittenhunde mehrmals im Jahr mit nach Schweden, um dort mit ihnen kilometerlange und manchmal sogar mehrtägige Touren zu fahren. In Schweden – beziehungsweise in ganz Skandinavien – ist der Schlittenhundesport naturgemäß weiter verbreitet als in Deutschland.

Das Reich der Hunde

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Schnee im Hundehimmel: Jochens Huskys leben in sogenannten Kennels.

Foto von Jan Heesch

Jochen Mühls schwere Stiefel hinterlassen tiefe Spuren im frisch gefallenen Schnee. Die zugeschneite Einfahrt hat er noch nicht freigeräumt, die Zeitung steckt noch im Briefkasten. Unter dem Vordach des Hauses tritt der gepflasterte Boden zum Vorschein, doch Zeit um die Schuhe von Schnee zu befreien, bleibt kaum. Mit den Worten „Kommt mit, ich stelle euch vor!“, steigt Jochen drei Stufen hinauf und folgt einem kleinen Trampelpfad zu einem eisernen Tor, das er mit einem Ruck öffnet. Hinter diesem Tor beginnt das Reich von Jochen, seiner Frau Birgit und ihren 15 sibirischen Huskys. 

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Schweden-Feeling pur: Eingang zu Jochen Mühls Gartenlaube.

Foto von Selina Stahl

Auf den begehbaren Wegen ist der Schnee schon ganz platt getreten. Auf der linken Seite des Hinterhofes erstreckt sich ein weitläufiger Garten voller Bäume und Sträucher, der lediglich von dutzenden Hundenasen erschlossen ist. Gegenüber reihen sich mehrere Hundezwinger – sogenannte Kennels – aneinander. Aufgeregtes Winseln und Bellen tönt herüber. In der Mitte des Hinterhofes liegt eine selbstgebaute Feuerstelle. Der eigentliche Blickfang des Camps ist jedoch etwas Anderes: eine schwedische Gartenhütte in den Farben Weiß und Rot. Ein hölzernes Schild mit der Aufschrift „Husky Camp Stuga“ (Stuga ist Schwedisch und bedeutet Hütte) schmückt den Eingang der Laube.

„Viele Menschen unterschätzen die Hundehaltung“

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Keine Berührungsängste: Für alle 15 Huskys gehört der Umgang mit Menschen—vor allem Kindern—zum Hunde-Alltag.

Foto von Selina Stahl

Das Winseln aus Richtung der Kennels wird lauter. Mit ein paar großen Schritten ist Jochen bei der ersten Gittertür angekommen. „Solche Hunde sind einfach geboren, um auf langen Strecken schwere Lasten zu ziehen und nicht, um Rennen zu fahren.“ An Wettbewerben nimmt Mühl nämlich nicht teil. Seiner Meinung nach, mache es den Hunden mehr Spaß, Lasten oder Menschen zu ziehen. Mit Begeisterung greift Jochen zwischen den vereisten Gitterstangen hindurch und beginnt einem seiner Hunde den Kopf zu streicheln. 

Das Angebot des Camps ist groß: Wanderungen bei Schnee und im Sommer, Fahrradtouren, Kindergeburtstage und Gespannfahrten bieten Jochen und seine Frau fast das ganze Jahr über an. „Meine Hunde sind vom Wesen her alle sehr ausgeglichen und freundlich. Wir arbeiten ja schließlich sehr viel mit Kindern, auch mit behinderten Kindern. Wir haben die Hunde auch schon mal vor einen Rollstuhl gespannt, das war für das Kind das Größte.“ Kindergeburtstage nehmen einen großen Teil der täglichen Arbeit für Hund und Mensch ein. Auch die angebotenen Gespannfahrten im angrenzenden Wald sind äußerst beliebt – bis Weihnachten ist bereits alles ausgebucht. Doch auch für andere Anliegen haben Jochen und Birgit immer ein offenes Ohr. „Oft kommt es vor, dass ich angerufen und gefragt werde, ob ich auch Welpen verkaufe. Viele Menschen unterschätzen einfach die aufwendige Hundehaltung von Huskys. Ich biete dann immer an, einfach mal vorbei zu kommen und mich einen Arbeitstag lang mit den Hunden zu begleiten und mir bei allem zu helfen, was so anfällt.“ Jochen stützt sich auf ein Bein und grinst: „Danach sind die meisten Leute erstmal geheilt.“

Augen auf bei der Reiseplanung

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Klein-Skandinavien in Hessen: Dekoration in Jochen Mühls Gartenlaube.

Foto von Selina Stahl

Von einem Urlaub in der schwedischen Natur träumen viele. Reiseveranstalter haben das längst verstanden und werben so mit vielen attraktiven Angeboten rund um die sympathischen Vierbeiner. Von den meisten dieser Anbieter rät Jochen Mühl jedoch ab. Statt dem Tierwohl stehe dort vor allem das Geld im Vordergrund, und so werden die Tiere dort noch an Ketten gehalten. Nicht, wie bei Jochen Mühl, in geräumigen Kennels. „Wer eine Huskytour buchen möchte, sollte das nicht über ein Reisebüro tun. Das ist oft einfach Massenverarbeitung und keine artgerechte Haltung.“ 

Wer Interesse an einer solchen Reise hat, solle sich lieber privat über Züchter wie Jochen Mühl oder die Schlittenhundevereine informieren. Es sei ohnehin nicht einfach, einen Hund an das Schlittenziehen zu gewöhnen. Dafür sei ausgiebiges Training nötig. „Das macht nicht jeder Hund mit.“ Das Geschirr ist eng und der Hund muss lernen, mit seinem Rudel im Team zu arbeiten.

„Eine Woche dort oben kommt mir vor wie drei Wochen Sommer“

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Rudeltiere: Jochens Hunde leben nicht nur in den Husky-Kennels im Garten – auch zum Haus haben die Hunde oft Zugang.

Foto von Selina Stahl

Teamarbeit ist im Husky Camp das Wichtigste. Denn in ein paar Stunden ist es wieder soweit – eine Gruppe Kinder besucht das Camp in Butzbach für einen Kindergeburtstag. Er hat schon alles vorbereitet. In der Ecke steht ein Heizlüfter, der einem in regelmäßigen Abständen warme Luft um die Waden weht, und den Raum auf eine angenehme Temperatur heizt. Der große Holztisch in der Mitte des Raumes ist bereits gedeckt mit allerlei süßen Leckereien, die Jochen Mühl liebevoll auf den bunten Plastiktellern verteilt hat. Der Raum ist geschmückt mit Andenken aus Mühls Lieblings-Urlaubsort Schweden. Egal ob Tassen, Frühstücksbrettchen, Bilder oder Flaggen, die Holzhütte gleicht einem Souvenirgeschäft. An der Wand hängt ein Flachbildfernseher, auf dem eine Diashow läuft. Hunde, schneebedeckte Landschaften, Nadelwälder, Sonnenuntergänge und Lagerfeuer – die Bilder könnten aus einem Reiseprospekt stammen. Um Mühls Begeisterung für das skandinavische Land zu verstehen, muss man ihm nur in die Augen sehen. Sie leuchten, während er immer wieder auf den Bildschirm zeigt und in Erinnerungen an seine Aufenthalte in Schweden schwelgt. Auf dem Fernseher erscheint eine Nahaufnahme von Mühls Hunden während eines Rennens. „Ich erkenne da ein Lachen“, sagt er und unterbricht die Diashow, um sich das Foto der Huskys genauer anzusehen. „Die freuen sich jedes Mal, wenn sie laufen dürfen.“ Und auch die lange Reise von Butzbach nach Schweden mache den Tieren nichts aus. Im Gegenteil: „Die Reise finden die Hunde total toll!“ Mühl und seine Frau reisen in einem ausgebauten Bus mit ausreichend Platz für Thermoboxen, die seine Schlittenhunde auch noch bei Minus 40 Grad warm halten. Wenn man sich die Bilder ansieht, wirkt es eher anstrengend. Tagelange Schlittenfahrten bei eisigen Temperaturen – erholsamer Urlaub sieht für viele anders aus. Für Jochen Mühl ist es aber gerade das, was für ihn den Reiz ausmacht. „Eine Woche dort oben kommt mir vor wie drei Wochen Sommer.“

Leuchtende Kinderaugen

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Verschiedene Facetten: Das Deckhaar sibirischer Huskys kann alle Färbungen von weiß über rot und grau bis zu schwarz aufweisen.

Foto von Selina Stahl

Es knarrt draußen und eine Gruppe Kinder stürmt auf das Grundstück von Jochen Mühl. „Oh, sind die süß“, sind die ersten Worte, die man hört. „Ich will den da!“. Seine Hunde warten brav auf ihren Plätzen – er hat sie angeleint. doch sieht man ihnen die Neugier an. Die dunklen Hundenasen schnüffeln und bewegen sich in Richtung der Kinderschar, die noch auf sicherem Abstand bleibt. Mit Schneehosen und dicken Schuhen sind die Kinder bereit für ihren Tag als Schlittenhundeführer, auch Musher genannt. 

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Küsschen für Herrchen: Jochen Mühl mit einem seiner Hunde im Arm.

Foto von Selina Stahl

In Teams werden die Kinder jeweils einen Hund „trainieren“ und dann, im nahegelegenen Waldstück, selbst auf Tour gehen. Doch erst geht es in die Schwedenhütte. Dort erklärt Mühl, was die zukünftigen Schlittenfahrer heute alles erwartet. Ein Kindergeburtstag mit 15 sibirischen Huskys? Es gibt sicherlich einige Eltern, die bei dem Gedanken daran etwas nervös werden. „Der Vorteil an der Linie unserer Hunde ist, dass in den Tieren selbst null Aggression steckt. Wir arbeiten hier mit kleinen Kindern und mit behinderten Kindern, auch mit Rollstuhl-Fahrern.“ Außerdem merke er es sofort, wenn einer der Hunde nicht mehr will. „Wenn unsere Hunde ein gewisses Alter erreichen, müssen sie bei den Kindergeburtstagen nicht mehr mitmachen.” Auch Kinder, die Angst vor Hunden haben, seien in Mühls Husky-Camp gut aufgehoben. „Das sind dann meistens diejenigen, die am Ende nicht mehr gehen wollen.“