Wenn sich die Sonne nicht mehr zeigt

Der Winter in den nörldichsten Teilen der nörlichen Hemisphäre bringt monatelange Dunkelheit mit sich. Und schlägt aufs Gemüt.
18. Januar 2019

Das Klingeln seines Weckers lässt Lasse aufwachen. Die Gardinen sind offen, es ist 9 Uhr morgens, aber draußen ist es dunkel. Er muss sich überwinden, um aus dem Bett zu kommen. Viel zu groß ist sein Bedürfnis nach Schlaf. Der diesige Himmel auf seinem Weg zur Arbeit taucht alles in ein dunkles Grau. Ach auf dem Heimweg wird ihn kein anderes Himmelsbild erwarten. Während der Arbeit schweifen seine Gedanken immer wieder ab, sich zu konzentrieren fällt ihm schwer. Zeit für die Mittagspause, doch auch um 13 Uhr ist das Grau am Himmel nur um winzige Nuancen heller geworden.

Lasse ist keine reale Person. Doch ein Stereotyp für bis zu zehn Prozent aller Skandinavier—so schätzen Wissenschaftler des Psychiatrischen Zentrums Kopenhagen. Die Diagnose: ‘Seasonal Affective Disorder’, im Deutschen Winterdepression genannt. Sie tritt, wie der Name schon verrät, saisonal auf. Die Symptome: „Niedergeschlagenheit, extreme Müdigkeit auch am Tag und ein sehr großes Schlafbedürfnis“, erklärt Psychologin Petra Scholz. „Außerdem tritt vermehrter Appetit auf, vor allem auf Süßes, gerade passend zur Plätzchenzeit. Vielleicht ist es kein Zufall, dass es den Brauch des Plätzchenbackens gerade zu Beginn der dunklen Jahreszeit gibt.“

Das Dunkel der Wintermonate ist, so sind sich Forscher einig, Auslöser für die Depression. Dass gerade Bewohner skandinavischer Regionen damit zu kämpfen haben, ist kein Zufall. Denn oberhalb des Polarkreises lässt sich die Sonne ab Ende November kaum noch blicken. Die Polarnacht—in Norwegen Morketid (Dunkelzeit) genannt—ist das Ergebnis der Neigung der Erdachse: Die Region um die Pole ist im Winter der Sonne abgewandt und liegt somit, egal ob Tag oder Nacht, im Dunkeln.

Eine anerkannte psychische Krankheit

Dieses Phänomen schlägt vielen Menschen im Norden aufs Gemüt. Eine Forschergruppe beschrieb das Krankheitsbild 1984 zum ersten Mal. Und auch die Weltgesundheitsorganisation erkennt Winterdepressionen an—allerdings wird sie nur bei den klinischen Depression eingereiht und erhält keine eigene Kategorie. Auch die Symptome unterscheiden sich zu klinischen und chronischen Depressionen. Wer an einer Winterdepression leidet, ist schläfrig und hat Hunger auf kohlenhydrathaltiges Essen. „Bei der nicht—saisonalen Depression sind aber eher Appetitverlust und Schlafprobleme zu beobachten“, erklärt Scholz.

Was oft als ‘Winterblues’ abgetan wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht also eine ‘richtige’ Krankheit, die sich auf körperliche und geistige Gesundheit auswirkt. In einer groß angelegten Studie des Finnischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt konnten Forscher 2017 beobachten, dass die kognitiven Fähigkeiten von Erkrankten geringer waren als die der gesunden Kontrollgruppe.

Die gleiche Studie knüpft auch eine Verbindung zur Alkoholkrankheit—ebenfalls weit verbreitet in Skandinavien. Wer Winterdepressionen hat, greift auch öfter zur Flasche, so die Forscher. Als Reaktion auf den hohen Alkoholkonsum hat Schweden schon 1957 die Preise für alkoholische Getränke durch Steuern erhöht. Und in Norwegen ist der Verkauf so streng geregelt, dass Hochprozentiges nur in eigenen staatlichen Ausgabestellen erhältlich ist und nicht im Supermarkt.

SCHON GEWUSST?

In Island leiden statistisch gesehen deutlich weniger Menschen an einer Winterdepression (nur 3,8%). Und das trotz der nördlicheren Lage des Landes, im Vergleich zu anderen skandinavischen Nationen.
Außerdem konnte in der kanadischen Region Manitoba nachgewiesen werden, dass Menschen dort, die isländische Wurzeln haben, nur halb so häufig an SAD erkranken, wie diejenigen Kanadier, die nicht isländischen Ursprungs sind.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass auch genetische Faktoren entscheidend sind.

Welche Ursachen zur Winterdepression führen, ist noch nicht vollständig geklärt. Es kommen wohl  mehrere Faktoren zusammen, die in ihrer Gesamtheit zu depressiven Stimmungen führen. „Jemand hat beispielsweise über eine längere Zeit beruflichen Stress, wenig Sozialkontakte und ist während des Tages kaum draußen.“ Erklärt Scholz. „Es wird vermutet, dass bei Menschen, die eher zu einer Winterdepression neigen, die Sehzellen im Auge weniger lichtempfindlich sind als bei anderen. Ihr Gehirn wird bei Lichtmangel dadurch mehr zur Produktion des Schlafhormons Melatonin angeregt.“ Mehr Melatonin, mehr Schlafbedarf. Durch die verkürzten Tage im Winter kommt der Schlaf-Wach-Rhythmus aus dem Takt; die eigene, biologische Uhr ist nicht mehr synchron mit der Tageszeit. Auch das Glückshormon Serotonin soll davon beeinflusst werden, und so zu den veränderten Stimmungslage beisteuern. Eins ist jedoch sicher: Helles Licht, besonders am Morgen nach dem Aufstehen, hilft nachweislich, eine Winterdepression vorzubeugen oder zu lindern.

Licht ins Dunkel bringen

Doch die monatelange Dunkelheit im Norden hat die Skandinavier erfinderisch gemacht. Auf einem Berg vor Rjukan, einer Dreitausend-Seelen-Gemeinde im Süden Norwegens, stehen drei Spiegel, jeder mit einer Fläche von siebzehn Quadratmetern. Zwölf Jahre lang hat sich der Künstler Martin Andersen bei der Gemeindeverwaltung für seinen Plan eingesetzt, 2013 wurden die Spiegel dann eingeweiht. Das Problem der Kleinstadt: Trotz ihrer Lage im Süden Norwegens fällt in den Wintermonaten so gut wie kein Licht ins Tal—die Berge, die es umgeben, werfen einen zu großen Schatten. Die Idee, Spiegel zu errichten, um Sonnenlicht nach Rjukan zu reflektieren, war nicht neu: 1913 erschien ein Zeitungsartikel über Sam Eyde, dem Gründer der Stadt, in dem er solche Spiegel beschrieb. Umgesetzt wurde die Idee nicht—stattdessen richtete Norsk Hydro, Betreiberfirma eines nahegelegenen Wasserkraftwerks, 1923 eine Seilbahn ein, um die Bewohner Rjukans buchstäblich der Sonne näher zu bringen.

Nicht alle Skandinavier setzen sich Spiegel auf Berge, um dem Lichtmangel entgegenzuwirken. Dennoch: Das Verhältnis zum Licht spielt im Alltag eine große Rolle. Tageslichtlampen sind beispielsweise weit verbreitet. Ganz im Norden, wo es fast kein Tageslicht mehr gibt, werden auch Bushaltestellen mit solchen Lampen ausgestattet. Zudem gibt es in vielen skandinavischen Städten „Lichtcafés“, in denen Besucher der Düsterkeit des Winters entfliehen können. Die Räume solcher Cafés sind gänzlich in weiß gestaltet und jedem Kunden wird ein weißer Umhang umgelegt, sodass alle Farben, aus denen sich weißes Tageslicht zusammensetzt, optimal reflektiert werden—denn nur Breitsprektrumlicht senkt die Melatoninproduktion. Das Verhältnis zum Licht spiegelt sich auch in der Architektur und Gestaltung wider: „Meiner Meinung nach ist das spannendste an skandinavischem Design das Arbeiten mit dem Tageslicht“, meint der dänische Architekt und Designer Sigurd Larsen. „Wir haben so wenig davon, das hat einen großen Einfluss auf die verwendeten Materialien, auf die Fenster und die Beziehung zwischen Innen und Außen. Und das spürt man, in vielen guten skandinavischen Architekturprojekten steht das eigentlich im Vordergrund.“


Vielleicht üben sich gerade deswegen auch die Länder im Norden in der Kunst der Gemütlichkeit. Die Dänen haben dieser Kunst einen Namen gegeben: Hygge. Es beschreibt das Schaffen einer gemütlichen, herzlichen Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens mit netten Menschen zusammen genießt. Denn sozialer Kontakt, da ist sich die Wissenschaft sicher, wirkt Depressionen entgegen.

In einem Interview erklärt die Diplompsychologin Petra Scholz, wie insbesondere die Winterzeit, eine Auswirkung auf die Stimmung haben kann.

Frau Scholz, wie äußert sich eine Winterdepression?
Viele Menschen mögen es lieber, wenn es draußen heller und wärmer ist und sind im Winter eher antriebslos und bedrückt und würden mehr schlafen, wenn der Alltag dies zulassen würde. Es ist anzunehmen, dass es einmal ein Evolutionsvorteil war, sich für die kalte Jahreszeit Winterspeck und damit einen Vorrat anzueignen und weniger aktiv zu sein, um weniger Energie zu verbrauchen.
Bei Menschen mit einer Winterdepression sind die Symptome sehr ausgeprägt, erschweren oder machen eine Bewältigung des beruflichen und sozialen Alltags unmöglich und erfordern eine Behandlung.

Wie sieht so eine Behandlung dann aus?
Eine sogenannte Lichttherapie kann vielen Patienten helfen. Dazu sitzt man am besten vormittags ungefähr 30 Minuten vor einer speziellen Lampe mit weißem Licht, das eine Stärke von 10.000 Lux hat. Dies entspricht ungefähr der Helligkeit eines Sommertags im Schatten. Auch ist es oft sinnvoll, durch eine Psychotherapie Verhaltensweisen im Leben des Patienten anzuregen, die der Depression entgegenwirken, wie die Aufnahme angenehmer Aktivitäten.

Was sind die Ursachen für eine Winterdepression?
Die Lichtbedingungen im Winter sind anders, es ist früher dunkel und am Tag ist die Lichtintensität geringer. Unsere Leben findet hauptsächlich in geschlossenen Räumen statt und die Lichteinwirkung in einem Wohnraum ist sehr viel niedriger als draußen. Wenn auf unser Gehirn weniger Licht einwirkt, wird wie schon erwähnt mehr von dem Hormon Melatonin erzeugt, das müde macht und das auch den Antrieb und die Laune dämpft.

Was kann man gegen eine Winterdepression tun? Lässt sie sich vermeiden?
Vorbeugend sind möglichst häufige Spaziergänge oder Sport im Freien bei jedem Wetter, um dem Lichtmangel entgegen zu wirken. Außerdem helfen bewusste Verwöhn-Momente, das Genießen der etwas stilleren und gemütlicheren Zeit entgegen des heutigen Trends zu allen Jahreszeiten gleich aktiv zu sein. Auch Sozialkontakte, regelmäßige Treffen mit Freunden beugen einer Winterdepression vor.