„In meiner Arbeit steht das Tageslicht im Vordergrund“—Interview mit Sigurd Larsen

Wir haben den Stardesigner Sigurd Larsen gefragt, woher die weltweite Faszination für skandinavisches Design kommt, wie sich Deutschland und Skandinavien unterscheiden und wie es ist, Möbel zum Selbstbauen für eine Baumarkt-Kette zu entwerfen.
24. Januar 2019

Sigurd, warum bist du Architekt geworden?

Das ist eine gute Frage, ich weiß nicht genau wo das herkam. Wie viele andere Architekten habe ich natürlich sehr viel mit Lego gespielt, aber das sagen alle. Ich glaube aber, dass es irgendwie doch eine Bedeutung hat, diese Freude am bauen und kreieren.

Ich war immer kreativ, glaube ich (lacht), auch als Kind. Das kam ganz natürlich, das wollte ich einfach so. So bin ich geboren.

Hat dir die Architektur dann nicht mehr genügt, oder wie bist du zum Möbeldesign gekommen?

In Dänemark, in Skandinavien generell, gibt es eine lange Tradition, dass man als Architekt auch Möbel macht. Das heißt, ich bin da kein Pionier.

Auch unser Studium ist da wahrscheinlich anders aufgebaut. Es geht um das Verständnis an kreativen Verfahren, um Prozesse; ob man das für Städtebau, Architektur oder Möbeldesign nachher anwendet, spielt eigentlich weniger eine Rolle. Wir haben in Dänemark das Selbstverständnis, dass man als Architekt das ganze Haus inklusive dem Innendesign kreiert.

DAS IST SIGURD

Der Designer Sigurd Larsen wurde in Odense in Dänemark geboren und studierte später Architektur an der Danish Academy of Fine Arts Schools of Architecture, Design and Conservation, die er 2008 mit einem Master-Abschluss verließ. Seit 2008 arbeitet und lebt der Designer und Architekt in Berlin und doziert als Professor an der International University of Applied Sciences.

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Foto von Sigurd-Larsen/Michael-Brus

Womit verbringst du mehr Zeit, mit klassischer Architektur oder Designarbeiten?

Im Büro beschäftigen wir uns länger und mehr mit Architektur-Projekten, weil es einfach viel zeitaufwendiger ist. Möbeldesign machen wir dann immer parallel und versuchen es irgendwie in den kreativen Prozess zu integrieren.

Wir übertragen dann die Idee von Architektur zu Möbeldesign. Wir versuchen, das alles zu verknüpfen. Ich glaube, viele Leute kennen aber eher unsere Möbel als unsere Architektur-Projekte.

Wie würdest du skandinavisches Design beschreiben?

Ich versuche nie, etwas so zu machen, dass es wie Skandinavisches Design aussieht.

Das ist mein Hintergrund, und das habe ich studiert. Aber das ist nie das Ziel. Es gibt aber vielleicht gewisse Präferenzen zu Materialien, die im Vordergrund stehen.

Besonders spannend an skandinavischem Design ist das Arbeiten mit Tageslicht.
Wir haben so wenig davon, das hat einen großen Einfluss auf die verwendbaren Materialien, auf die Fenster und die Beziehung zwischen Innen und Außen. Und das spürt man, in vielen guten skandinavischen Architekturprojekten steht das eigentlich im Vordergrund. Hinter skandinavischen Design generell stehen viele gute Ideen, die daraus entstanden sind, dass man von etwas zu wenig hatte und kreativ sein musste.

Für skandinavisches Design gibt es eine weltweite Faszination, wie erklärst du dir das?

Ich denke, es ist die Faszination für geschmackvolle Möbel, die leichter sind. Vor dem zweiten Weltkrieg waren Möbelstücke tendenziell nicht mobil, sondern riesig und massiv. Dann kamen plötzlich neue Technologien und Materialien auf, sodass man leichtere Möbel machen konnte, die tatsächlich auch mobil waren, so wie es das deutsche und französische Wort auch verspricht.

Hinter der Faszination steht, glaube ich, aber auch viel gute PR-Arbeit und Storytelling: „Es gibt da diese schöne Land oben im Norden, wo alles so toll ist.“

Die Felles-Hocker, Sitzuntensil für die Nordische Botschaft in Deutschland

Foto von Sigurd Larsen

Nochmal ein Schritt zurück: Klima und Tageslicht sind in Skandinavien ganz anders als hier in Deutschland. Wie wirken sich diese Lebensumstände auf die Gestaltung des eigenen Heims aus?

Wir sitzen ja mehrere Stunden pro Jahr in unserem Wohnzimmer, in unserer Kultur finden große Teile des sozialen Lebens im eigenen Heim statt. Wenn ich zum Beispiel Berlin und Kopenhagen vergleiche: In Kopenhagen ist man sehr oft bei Freunden zu Hause. Dann wird gekocht, wo man sich in Berlin tendenziell eher in einem Restaurant trifft. Hier ist der Preisunterschied zwischen Kochen und auswärts essen aber auch nicht so groß ist, wie in Kopenhagen.

Dein Heim in Skandinavien ist auch mehr ein Ort, an dem du oft Gäste empfängst. Es ist mehr ein öffentlicher Raum als ein Privater. Daher legt man auch viel mehr Wert auf die Repräsentation. Da gibt es vielleicht auch eine Art sozialen Druck: Wenn die einen ökologisch essen, will ich auch ökologisch essen, und wenn die einen tolle Möbel haben, will ich auch tolle Möbel haben.

In Südeuropa sind die öffentliche Räume toll, da gibt es viel öffentliches Leben. Das sieht anders aus in einem Land, in dem es 200 Tage im Jahr regnet. Und vielleicht ist es auch einfach die Lust, weniger, aber bessere Sachen zu haben.

Du hast eine Möbelfamilie, die „Felleshocker“, für die nordische Botschaft in Berlin entworfen. Was war dabei besonders herausfordernd?

Die Herausforderung war, Möbel zu machen, die flexibel sind und man überall verwenden und hin verschieben kann. Die haben dort in der nordischen Botschaft viele enge Flure, und es sollten Sitzgelegenheiten für schnelle spontane Meetings geschaffen werden.

Daraufhin habe ich dann die Sitzhocker in verschiedenen Höhen entwickelt, aber das spannende für uns war die Geschichte dahinter: Als Däne ein Möbelstück für ein skandinavisches Gebäude in Deutschland zu entwerfen.

Wir dachten uns, da muss auch irgendwas Deutsches mit dabei sein. Deshalb haben wir dann dieses lasergeschnittene und gefaltete Metall sowie maschinen-gefrästes Holz verwendet. Das sind alles Produktionsmethoden, die man mit einer Maschine verarbeiten kann. Hinter der ganzen Idee steckt eigentlich die Faszination und Verwendung von Maschinen in Deutschland.

Die Felles-Hocker, Sitzuntensil für die Nordische Botschaft in Deutschland

Foto von Sigurd Larsen

Ein weiteres Projekt ist die Zusammenarbeit mit „Hornbach“: Ein Designer-Stuhl zum selber bauen. Wie war dieses Projekt für dich?

Am Anfang war ich total unsicher, ob es gut ist, als Architekt mit einem Baumarkt assoziiert zu werden. Aber dann habe ich auch ein bisschen an den skandinavischen Ursprung gedacht: Möbelklassiker, wie die Stühle von Hans Wegner, die man heute sehr teuer kaufen kann, wurden ursprünglich für den Verkauf in dänischen Supermarktketten entworfen.

Auch meine Eltern kauften sich die damals gut und günstig in den 60er Jahren, jede Grundschule und jedes öffentliche Gebäude hatte diese Möbel.  

Damals kam erstmals die Idee auf von gutem Design für die ganze Gesellschaft auf, da hat sich ein Wohlfahrtsstaat aufgebaut und ziemliche viele Reformen auf den Weg gebracht. Das Möbeldesign gehört zu dieser Periode dazu.

Werkstück 1: Der Lounge-Chair von Sigurd Larsen für die Baumarktkette Hornbach zum Selberbauen

Foto von Sigurd Larsen/Hornbach

Du hattest auch schon Projekte in Deutschland, was ist dort für dich anders?

Architekturmodelle in Dänemark können wir ungefähr doppelt so schnell fertig bauen, wie in Deutschland. Die Bebauungspläne in Deutschland sind sehr unklar formuliert, so das man immer irgendwo nachfragen muss, das kann Monate dauern.

In Dänemark gibt es klare Aussagen zu Höhe, Breite, dem Abstand zum Nachbarn, den verwendbaren Materialien. Und wenn man da alles richtig gemacht hat, dann gibt es auch kein Argument, die Baugenehmigung nicht zu geben. Es gibt in Dänemark sogar Bezirke, wo es eine Garantie gibt, dass du die Baugenehmigung innerhalb von zwei Wochen bekommst.

Das hat eine große Bedeutung für die Arbeit in der Architektur. Wir haben als Architekten in Deutschland weniger Einfluss als die Bürokraten. Wir stehen da eher im Hintergrund.

Was schätzt du besonders an Deutschland? Du bist ja auch Wahlberliner und sprichst gut deutsch.  

Berlin ist eine echte Großstadt, so etwas haben wir in Skandinavien nicht. Und ich bin zufälligerweise ein Mensch, der gerne in einer Großstadt lebt.

Ich freue mich darüber, dass man sich in Deutschland mehr als ein Teil von Europa fühlt; Lokalzeitungen berichten auch viel über Internationales und nicht nur über Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Die Deutschen sind mehr integriert in ihrer Umgebung als die Skandinavier, die auf einer Insel leben. In Skandinavien wollen die Menschen auch viel eher die gleiche Meinung, die gleichen Klamotten, die gleichen Stühle haben. In Deutschland ist man expressiver, die Leute sind individueller.

Ich habe das Gefühl es gibt eine gewisse Freiheit, wenn man nicht in einer sehr integrierten und Konsens basierten Gesellschaft wie in der skandinavischen lebt.  Denn wenn Leute eine andere Meinung haben und diskutieren und vielleicht auch provozieren wollen, auch wenn das nervig sein kann, ist das eigentlich sympathisch. Berlin ist da für mich Auf jeden Fall genau richtig.

Vermisst du trotzdem deine Heimat, „den Norden“?

Ich bin noch relativ oft dort. Von Berlin nach Kopenhagen sind es mit dem Flugzeug gerade mal 50 Minuten.

Bei mir ist es das Wasser: Ich habe in Dänemark weniger als 50 Meter entfernt vom Strand gelebt. Auch mitten in Kopenhagen gibt es einen Hafen, wo man schwimmen kann. Daran war ich also immer gewöhnt, das kann man aber eben nicht in Berlin.

Ab und zu sollte man dahin zurück, wo man geboren wurden. Da ist irgendwas in der Landschaft, egal wo man herkommt. Und wenn man in der Pfalz geboren ist, dann kehrt man eben zurück und sammelt Pilze. Überall gibt es irgendetwas besonderes.

DESIGN BY SIGURD LARSEN