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Der Klimawandel, die Arktis und die Eisbären

Treffen sich eine Ethnologin, ein Fotograf, eine Biologin und ein Reisejournalist. Moderiert von einem Journalismus-Professor. Keine Pointe.
18. Dezember 2018

An einem Sonntagabend zur Tatort-Zeit findet sich eben jenes Publikum in der Centralstation ein, das unter normalen Umständen der mitreißenden Eingangsmusik des Kult-Krimis gelauscht hätte. Vermutlich bei einer Tüte Chips aus dem Bioladen. Denn wer diesen Abend statt auf der Couch auf den hölzernen Stühlen jenen Veranstaltungssaals in Darmstadt verbringt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit bedacht auf seine Umwelt und die Folgen seines Handelns.
Immerhin soll es an diesem Abend in vier Kurzvorträgen um die Arktis, ihre bedrohte Existenz, ihre Menschen und ihre Tierarten gehen. Mit anschließender Diskussionsrunde, in der geklärt werden soll, wie dieser ganze Schlamassel aufzuhalten ist. Moderiert von Torsten Schäfer, unserem Dozenten.(An dieser Stelle Danke für die Freikarten.)

„Meiner Meinung nach ist für die Arktis nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf.“ Bernd Römmelt ist Reisejournalist und Fotograf. Und besorgt. Besorgt, wie es der Arktis geht—schlecht—und wie es ihr in den kommenden Jahren ergehen wird—noch viel schlechter.
Die Symbolbilder dazu kennt jeder: Einsame Eisbären, die hungernd durch die Landschaft ziehen, oder auf schmelzenden Schollen über die arktische See dahintreiben.

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Foto von Andreas Weith

Die treibende Kraft hinter dem Arktis-Dilemma ist durchaus geläufig: Klimawandel. Dennoch verbessert das Bewusstsein aktuell wenig an der Situation. Nicht mal Bilder von Eisbären mit leeren Augen und leeren Mägen können das ändern. Denn: das Problem des Klimawandels und das der Arktis liegen in weiter Ferne. 3.149 Kilometer, um genau zu sein. Die Ironie: selbst für die Inuit vor Ort ist das Thema schwer greifbar.

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Was wirkt, wie eine einfache Kausalkette, ist ein hochkomplexes Thema mit unzähligen Dimensionen—das ebensoviele Lösungen fordert.

Viele glauben nicht, dass die Tierwelt zu leiden hat: denn aufgrund des mangelnden Nahrungsangebots der Eisbären rücken diese immer näher an die Siedlungen. In den bewohnten Gegenden werden mehr Eisbären gesichtet, ergo muss es auch mehr Eisbären geben. Ein gefährlicher Trugschluss.

Die einen Einheimischen sehen den Klimawandel also nicht, die anderen interessiert er nicht. Verständlicherweise. Jana Steingässer, freie Autorin und studierte Ethnologin, hatte durch ihre Arbeit Kontakt zu vielen Bewohnern der arktischen Anrainerstaaten.

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Die überwältigende Aussicht täuscht: Das Leben im nördlichen Polarkreis verlangt den Menschen dort viel ab.

Foto von Victor Riley/Julia Steingässer

Die Armut in Grönland sei groß, die Langeweile noch größer. Es fehlt an Geld, Bevölkerung, Beschäftigung. Dass Klimawandel dort nur eine untergeordnete Rolle spielt, wird besonders bei der Debatte um Bergbau und Ölförderung deutlich. Beide sind verheerend für die Umwelt, bringen aber Geld, von dem die Grönländer abhängig sind. Denn auch sie wollen so leben, wie die Menschen in Industrienationen, oder gleich dorthin auswandern. Schließlich möchte jeder „den Standard, den wir haben“, sagt Norbert Rösing dazu. “Ich will ein Badezimmer haben, das so groß ist wie mein ganzes Hausso wie ihr es habt”, zitiert Jana Steingässer eine junge Frau aus Grönland. Und der Lokalpolitiker, der sich für den Bergbau einsetzt, wolle doch auch nur seinem Kind einen Apfel im Supermarkt kaufen können. 

Dass man so den Klimawandel nur noch weiter antreibt, rückt in den Hintergrund. Denn wer um Überleben und Existenzsicherung kämpft, hat andere andere Prioritäten.

Auch die Eisbären kämpfen ums Überleben. In manchen Gegenden kommen sie an so wenig Nahrung, dass sie zu Kannibalen werden. Ein Verhalten, das Norbert Rosing mehrfach beobachtet und dokumentiert hat.

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„Ich war mittelprächtigt entsetzt.“ Weil das rückgehende Eis ihnen die Robbenjagd erschwert, jagen und töten Eisbären auch einander—Kannibalismus aus Hungersnot.

Foto von Victor Riley/Norbert Rosing

Seit 30 Jahren folgt er den Spuren der Bären–kein leichter Job. Die Hälfte läuft schließlich vor ihm weg, sagt er. Und bei der arktischen Kälte kann es schon mal vorkommen, dass neben erträumten Motiven auch Kameralinsen platzen.
„Man kann es sich nicht leisten, in der Nase zu bohren oder aufs Handy zu schauen,“ sagt Rosing. Man müsse ständig am Sucher sein, um die zweihundertfünzigstel Sekunde des perfekten Moments nicht zu verpassen.

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Der perfekte Moment. Für ein solches Foto liegen Naturfotografen stunden-, manchmal tagelang auf der Lauer—um dann in der richtigen Sekunde den Auslöser zu drücken.

Foto von Victor Riley/Norbert Rosing

Und selbst, wenn der perfekte Moment erwischt ist, so bleibt doch diese ständige Unzufriedenheit, die weiterhin antreibt. Und Rosing seit über 30 Jahren Jahr für Jahr wieder an die gleichen Orte reisen lässt.
Die Auswirkungen der Eisschmelze hat auch er auf seinen Reisen bemerkt. Dennoch sagt er: “Eine Problematik, die mich fast mehr besorgt als der Klimawandel: das ist die Plastikverschmutzung.”

Die Meeresbiologin Julia Hager sieht zwischen beiden Problemen direkte Zusammenhänge. Der Plastikmüll, der in die Weltmeere gelangt, wird von den Strömungen kleingemahlen und gelangt schließlich als Mikroplastik auch in die Arktis. Die Mengen, die schon im Eis eingeschlossen sind, färben dessen Oberfläche dunkel. Das Sonnenlicht wird absorbiert statt reflektiert, das Eis schmilzt, und es „werden unfassbare Mengen Mikroplastik freigesetzt“, sagt Hager.

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Foto von Victor Riley/Julia Hager

Was Mikroplastik und Klimawandel in der Arktis gemeinsam haben? Die gleiche Problematik: sie sind für uns nicht sichtbar. Was hingegen sichtbar, und tatsächlich greifbar ist, sind die Unmengen angeschwemmten Plastikmülls. Auch in der Arktis hat Hager schon isländische Joghurtbecher und norwegische Dressingflaschen gefunden.

Klimawandel ist mehr, als nur Thema dieses Abends—„Klimawandel ist eine Dimension“

—Torsten Schäfer

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Von links nach rechts: Bernd Römmelt, Jana Steingässer, Torsten Schäfer, Julia Hager, Norbert Rosing

Foto von Victor Riley

Ein erster Ansatz, da sind sich Hager, Römmelt, Rosing und Steingässer einig, wäre, unser Handeln und damit unseren eigenen Lebensstil zu ändern. Und auch würde es Regulierungen und eine deutliche Politisierung benötigen, um dem ganzen Schlamassel Einhalt zu gebieten. Wir müssten alle zu einer neuen Bescheidenheit kommen, so Bernd Römmelt. Schließlich kann sich jeder bei der Lösung beteiligen. Es sei immerhin „keine Raketenwissenschaft“, davon ist Julia Hager überzeugt.
„Sie können ihren eigenen To-Go-Becher für den Kaffee mitbringen. Oder sich auch einfach hinsetzen – das hat man früher so gemacht.“