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Andreas Ytterstad: „Journalisten sind unabhängige und professionelle Künstler“

Dr. Andreas Ytterstad ist Professor für Gesellschafts- und Medienwissenschaften in Oslo. In einem Interview skizzierte er uns sein Bild von Journalismus in Skandinavien und berichtete vor allem aus seinem Heimatland Norwegen.
von Patrick Ziesch
24. Januar 2019

Dr. Andreas Ytterstad ist Professor für Gesellschafts- und Medienwissenschaften am Institut für Journalismus der Osloer Mathematics University. Die Nordover-Redaktion traf ihn für ein Interview. Naja, was heißt „traf“. In einem dreiviertelstündigen Interview per Skype skizzierte er uns von Oslo aus sein Bild von Journalismus in Skandinavien und berichtete vor allem aus seinem Heimatland Norwegen. Neben dem Journalismus lehrt Ytterstad auch Journalismus-Ethik.

Darüber hinaus beschäftigt er sich viel mit dem Klimawandel und betreut nach eigener Aussage verschiedene Forschungsprojekte in Bezug auf die Berichterstattung über den Klimawandel. Sich selbst bezeichnet Ytterstad als Klimaaktivisten und Sozialisten. Er engagiert sich für diverse klimapolitische Bewegungen in Norwegen und ist Vorsitzender der Organisation „Concerned Scientists Norway“ (zu Deutsch: „Besorgte Wissenschaftler Norwegen“).

Eine Pluralität an Meinungen ermöglichen

Auf die Frage, wie Ytterstad norwegischen Journalismus charakterisiere, antwortete er, man versuche den professionellen Journalismus als Berufsform und seine politische Unabhängigkeit zu wahren. „Journalist“ sei kein geschützter Begriff und es wären viele Freiberufler, ähnlich wie in Deutschland, unterwegs.

Bis in die 70er sei die norwegische Presse eine parteienabhängige politische Presse gewesen. „Unsere Headline ist: Journalisten sind unabhängig von Parteien und professionelle Künstler“, so Ytterstad. In den norwegischen Lehrbüchern sei die Rede von Professionalisierung des Journalismus, ein bisschen nach dem Vorbild des angloamerikanischen Journalismus. Ziel sei, eine Pluralität an (politischen) Meinungen zu ermöglichen und zuzulassen.

Im Ranking der Pressefreiheit steht Norwegen bereits an erster Stelle. Ein Grund dafür sei das sogenannte Presse-Subventionssystem, so Ytterstad. Der Staat und der linkspolitische Flügel unterstützten die Medien finanziell und die Medien würden meinungsstark auftreten, während die rechten Parteien eine Umverteilung der Subventionen forderten.

Lokalpresse nimmt eine bedeutende Rolle ein

Speziell die Lokalpresse nehme eine bedeutende Rolle in Norwegen ein. So gebe es in jeder Stadt mehr als eine Lokalzeitung. Norwegen habe dank seiner rund 200 Zeitungen fast die meisten Zeitungsleser weltweit. Die Gründe für die weiterhin hohe Nachfrage nach lokalen und regionalen Printmedien seien die lokale Identität, die Topographie und die Faszination für das Lokale im Generellen. Aber der Trend gehe auch in Norwegen Richtung Online-Journalismus. Google, Facebook und Co. hätten das traditionelle Pressesystem herausgefordert.

Die Entwicklung des Ausbildungssystems für Journalisten sieht Ytterstad allerdings kritisch. Es sei nun akademischer als früher und eine praktische Ausbildung wird größtenteils nur von Privatschulen angeboten, was einen leichten Rückgang an Bewerbern zur Folge habe.

Und auch in der Gesellschaft würden Journalisten eher ein gemischtes Bild abgeben. Viele sehen sie als Wachhunde der Gesellschaft. Um das Misstrauen in die öffentlichen Medien abzubauen, solle die Vielfältigkeit an Kanälen dienen.

Das Gesellschaftsphänomen "Hygge"

Natürlich kam bei dem Interview mit Ytterstad auch das Thema „Hygge“ auf. Er definierte es als eine Art „Attraktion“ in Skandinavien bzw. als Teil einer skandinavischen Romantik. Wer Hygge auslebe, führe einen langsamen, entspannten und weniger technischen Lebensstil. Die Gesellschaft sei so schnell gewachsen, in der heutigen Zeit müsse alles perfekt sein und kaum jemand nehme sich noch Zeit für das richtige Leben und die eigene Familie.